Cloud Atlas

von David Mitchell,
herausgegeben von rororo, ISBN 978-3-499-24036-2, 9,99€

Deutschland/USA/Hong Kong/Singapore (2012)
Regie: Tom Tykwer, Andy Wachowski, Lana Wachowski
Darsteller: Tom Hanks (Dr. Henry Goose / Hotelmanager / Isaac Sachs / Dermot Hoggins / Cavendish-Schauspieler / Zachary), Halle Berry (Eingeborene / Jocasta Ayrs / Luisa Rey / Partygast / Ovid / Meronym), Jim Broadbent (Captain Molyneux / Vyvyan Ayrs / Timothy Cavendish / Prescient), Hugo Weaving (Haskell Moore / Tadeusz Kesselring / Bill Smoke / Schwester Noakes / Mephi / Old Georgie), Jim Sturgess (Adam Ewing / Highlander / Hae-Joo Chang / Zacharys Schwager Adam), Doona Bae (Tilda Ewing / Mexikanische Frau / Sonmi), Ben Whishaw (Schiffsjunge / Robert Frobisher / Georgette / Stammesmitglied), Keith David (Kupaka / Joe Napier / An-kor Apis / Prescient), James D’Arcy (Rufus Sixsmith / Pfleger James / Archivar), Xun Zhou (Talbot / Yoona-939 / Rose), David Gyasi (Autua / Lester Rey / Duophysite), Susan Sarandon (Madame Horrox / Ursula / Yusouf Suleiman / Äbtissin), Hugh Grant (Reverend Giles Horrox / Lloyd Hooks / Denholme Cavendish / Seher Rhee / Kona-Häuptling), Katy Karrenbauer (Schlägerin in Pub) und andere Seelen auf Wanderung

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Der kalifornische Notar Adam Ewing zieht sich im 19.Jahrhundert auf der Schiffsreise von Australien zurück nach Hause eine schwere Krankheit zu. Der mittellose englische Komponist Robert Frobisher heuert aus Geldnot in Belgien bei einem alten Meister als dessen Gehilfe an. Die Reporterin Luisa Rey deckt einen Skandal um ein Atomkraftwerk auf. Der Verleger Timothy Cavendish wird auf der Flucht vor schlagkräftigen Gläubigern von seinem Bruder in einem Altersheim untergebracht; muss jedoch feststellen, dass eine Rückkehr nicht vorgesehen ist. In der Zukunft berichtet ein Sonmi-Klon für die Geschichtsbücher, wie ihr Aufstieg zu einem Menschen sie zum Spielball der Konzernokratie machte. Viele Jahre später nach einer atomaren Katastrophe muss Zachary, ein Ureinwohner Hawaiis, in einer archaischen Gesellschaft um sein Überleben und das seiner Sippe kämpfen.

Sechs Geschichten erzählt Mitchell in seinem Buch Wolkenatlas. Sechs Geschichten, die parabelartig angeordnet und miteinander verbunden sind und sich durch unterschiedliche Schreibstile voneinander unterscheiden. Den Anfang macht Adam Ewings Reisetagebuch in der Sprache des 19.Jahrhunderts, das mitten im Satz abbricht. Robert Frobisher schreibt ausufernde Briefe an seinen in England verbliebenen Geliebten. Die Story der Reporterin wird in kurzen Romankapiteln erzählt, dessen Skript in den Händen des Verlegers Cavendish landet. Dieser wiederum berichtet von seiner Odyssee in Form einer Drehbuchvorlage.

Die dystopische Welt der nahen Zukunft erlebt der Leser über ein Verhör des Sonmi-Klons, welches aufgezeichnet wird. Die Postapokalypse auf Hawaii schließlich ist eine orale Erzählung in einer stark verfremdeten Sprache und zugleich die einzige Episode des Buches, die nicht an einer spannenden Stelle mit einem Cliffhanger unterbrochen wird. Ging es bis dahin immer vorwärts in der Zeit, wechselt an diesem Wendepunkt des Buchs die Richtung um 180° und schließt die unterbrochenen Episoden eine nach der anderen ab – das letzte Wort hat der amerikanische Notar.

Verbunden sind die Erzählstränge meistens durch Medien aus der jeweiligen Vergangenheit: Frobisher liest die Tagebücher von Ewing, seine Briefe wiederum werden zur Lektüre von Luisa Rey. Ein Buchmanuskript über ihren Fall soll von Cavendish verlegt werden, dessen verfilmte Geschichte auf Sonmis Medienabspieler landet. Ihr Verhör schließlich ist eine wichtige Aufzeichnung aus der Vergangenheit vor der atomaren Katastrophe, welche die Precious, wie sich die Überlebenden nennen, aufbewahrt haben.

Als weitere Überschneidung teilen sich einige Charaktere ein kometenförmiges Muttermal an der Schulter und tragen Erinnerungen an Ereignisse der anderen Figuren in sich. Gleichzeitig wird immer wieder – wenn auch mit unterschiedlichen Bedeutungen – das Bild des titelgebenden Wolkenatlas bemüht. Ganz im Stil der Postmoderne ist das einzige Werk von Robert Frobisher sein Wolkenatlas-Sextet, welches den Aufbau des Roman als Musikstück wiederspiegelt.

Als über allem liegendes Thema kristallisiert sich so ein Konzept der Seelenwanderung heraus; wird sich mit Formen der Wiedergeburt beschäftigt. Das passiert nicht als zentrales Element, wird jedoch wiederholt angesprochen. Einen Rahmen bilden dabei die Riten und Vorstellungen der Südseevölker. In der ersten Episode entdeckt Adam Ewing auf den Chathaminseln in einem Vulkankrater das Heiligtum der Eingeborenen (in Bäume eingeritzte Bilder der Verstorbenen) und rettet danach einen gefüchteten Sklaven. Ein paar Jahrhunderte später wiederholt sich diese Handlung auf Hawaii, wie um einen Rahmen zu bilden und zu sagen: Nach vielen Jahren der menschlichen Entwicklung gibt es immer noch Sklaverei, doch auch der Glaube an die Seelenwanderung ist erhalten geblieben, und die verschlungenen Pfade des Buches beweisen seine Korrektheit.

Wie bereits erwähnt haben die einzelnen Buchepisoden nur wenige Berührungspunkte und können auch einzeln für sich betrachtet werden. Ich fand vor allem die verwendeten Sprachstile sehr spannend; gerade in den beiden in der Zukunft spielenden Handlungen. Die Sonmi-Episode nimmt sich viele Anleihen an Klassikern des Science-Fiction-Genres. Die Konzernokratie als eines der großen Weltreiche, gebaut auf Konsum und Überwachung und geleitet von einem großen Führer, erinnert stark an 1984 mit asiatischen Einflüssen. Der Kreislauf der Klone, die am Ende ihres Lebenszyklus zu ihrer eigenen Nahrung verarbeitet werden, ist natürlich eine Referenz auf Soylent Green, womit an anderer Stelle im Buch sogar kokettiert wird.

Was mir außerordentlich gut gefallen hat ist die Sprache, welche Bezeichnungen für Dinge des täglichen Lebens gegen bekannte Markenhersteller ausgetauscht hat, ganz im Sinne des Neusprech aus 1984. Schuhe heißen so Nike, Handys werden als Sonys bezeichnet und Kameras als Nikons. Das sagt mehr über die nicht näher beleuchtete Entwicklung der Konzernokratie aus, die aus einer staatlich gesteuerten Monopolisierung (ähnlich der russischen Oligarchie) hervor gegangen zu sein scheint, als eine Aufarbeitung der Historie.

Sehr befremdlich, aber ähnlich faszinierend präsentiert sich die Sprache auf Hawaii nach der Atomkatastrophe. Sie zeugt von einem kleinen Wortschatz, bei dem es ähnliche Ersetzungen wie in der Sonmi-Episode gegeben hat, jedoch aus einer ganz anderen Perspektive. Das Volk von Zachary hat entweder absichtlich oder als Folge der atomaren Katastrophe sämtliche Erinnerungen an die Errungenschaften der Menschheit vor der Apokalypse über Bord geworfen und steht diesen mit Unverständnis gegenüber. So heißt jegliche Technik einfach Clever, Eigenschaften werden mit boah gesteigert und viele Wörter wie Wahr für Wahrheit wurden einfach abgekürzt.

Aber nicht jeder Handlungsstrang hat mich gleichermaßen angezogen. Die Notar-Episode war mir rein inhaltlich zu dünn und abgegriffen, und die Luisa Rey Story hat (absichtlich?) Schwächen wie die Charakterzeichnung und das nicht enden wollende Finale, bei dem sich immer wieder neue Chancen für die Reporerin auftun, ein Beweisstück zu finden und Luisa gefühlt einer handvoll Anschläge auf ihr Leben glücklich entgeht.

Die drei Regisseure des Verfilmung hatten sich also viel vorgenommen, dieses facettenreiche Buch für die Leinwand zu adaptieren. Da scheint die Entscheidung nur folgerichtig, die einzelnen Episoden unter ihnen aufzuteilen und so deren stilistische Unterschiede stärker hervorzuheben. Schließlich sind charakteristische Merkmale der einzelnen Episoden wie die Brief- oder Tagebuchform umgesetzt in Szenen nur schwer auszumachen. Als Analogie zu den Sprachstilen wurden sechs verschiedene Filmgenres ausgewählt und zum Glück die Sprachfeinheiten beibehalten.

Die Grundstruktur der parabelförmigen Anordnung der Handlungsfäden wurde jedoch aufgegeben. Der Film springt zwischen seinen Geschichten hin und her, was gerade im Mittelteil zu einem Problem wird. Im Gegensatz zu normalen Storybögen liegt der Gipfel der Dramatik aufgrund der Cliffhanger im Buch in der Mitte der Episoden. Durch die Überlänge des Films wird nach anderthalb Stunden dieser Punkt erreicht, an dem ich das Gefühl hatte, kurz vor dem Ende zu stehen – obwohl noch einmal anderthalb Stunden auf selbiges warten sollte.

Zumindest bei der Sonmi-Episode hätte dieses Gefühl verhindert werden können, denn diese wurde massiv umgeschrieben (an anderen Stelle fehlen nur kleinere Abschnitte). Die Anzahl an Handlungsorten wurde zusammengestrichen und so der Episode ein großer Teil ihrer Faszination geraubt. Von dem kritischen Blick auf eine ökonomische Diktatur bleibt nicht viel mehr übrig als ein Überwachungsstaat, dabei bietet allein diese Episode genug Stoff für einen eigenen Film.

Mehr gestört hat mich aber, wie die Grundidee der Seelenwanderung abgewandelt wurde. Im Buch finden sich nur wenige Anzeichen, welcher Charakter in welcher Figur wiedergeboren wurde. Der Film unterstellt mit seiner Auswahl an Schauspielern für einzelne Rollen (als Highlights Hugh Grant in der Rolle eines Südsee-Kannibalen und Hugo Weaving als Schwester Noakes) eine viel umgreifendere Verbundenheit fast aller Akteure, wobei für mich keine wiederkehrenden Figurenkonstellationen erkennbar waren und damit kein System. Den Untertitel „alles ist verbunden“ kann ich so nicht nachvollziehen, da mir ein Zweck oder ein Sinn jenseits von „Du wirst wiedergeboren“ fehlt. Da ist das Buch deutlich eleganter.

Fazit: Der Wolkenatlas ist ein faszinierendes Buch mit einer interessanten Struktur, reich an Geschichten und Gedankengängen. Der Film kann da nicht ganz mithalten, zu viel wurde bei der Adaption des Drehbuchs geopfert. Ich bewundere den Mut der drei Regisseure, diese ambitionierte Projekt gestemmt zu haben, aber am Ende ist ”nur” ein weiterer Episodenfilm herausgekommen, der leider die Grundidee des Buches verwässert.

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