Baedeker vs Dumont vs Marco Polo – ein Reiseführervergleich am Beispiel der Toskana

Reiseführer habe ich für jeden größeren Urlaub im Bücherregal stehen. Darunter finden sich Marco Polos, Baedekers, Stefan Loose Reiseführer, ADAC und viele mehr. Doch für keinen Urlaub hatte ich bisher den Luxus mehrerer Reiseführer gleichzeitig, um deren Qualität vergleichen zu können. Dank einer Ausleihe und viel investierter Zeit konnte ich nun einen direkten Vergleich vornehmen und will mein Urteil nicht für mich behalten.

Baedeker Norditalien
6. Auflage 2011, ISBN 978-3-8297-1242-2, 25,95€

Der Baedeker ist der einzige Reiseführer aus meinem Vergleich, der nicht 100%ig zu meinem Reiseziel (die Toskana) passte, sondern den größeren Bereich von ganz Norditalien abdeckte. Das hatte den Vorteil, dass die beiliegende Karte (ein Pluspunkt dafür, dass sie herausnehmbar ist) den kompletten italienischen Teil der Reiseroute abdeckte. Der größere Kartenbereich geht jedoch auf Kosten der Details, weshalb ich eine genauere Karte vor Ort in der Toskana erworben habe.

Der Vorteil der größeren Abdeckung gilt auch inhaltlich: Zwischenziele wie der Gardasee und an die Toskana angrenzende Sehenswürdigkeiten wie Cinque Terre wurden ebenfalls besprochen. Die anderen beiden Reiseführer hören an der Grenze der Region Toskana auf.

Dieser Vorteil ist gleichzeitig auch der größte Nachteil des Baedeker: 50% des Inhalts waren für mich überflüssig. Da er die einzelnen Reiseziele zudem nicht örtlich gruppiert, sondern strikt alphabetisch anordnet, war ich ständig am Blättern. Hier haben die anderen Reiseführer die Nase vorne, welche die Toskana in Kapitel herunterbrechen und zusammenhängende Gebiete auch zusammen behandeln. Dies halte ich für sinnvoller.

Aber gut, dies gehört ebenso zum Baedeker-Konzept wie der Schwerpunkt auf Kunst und Architektur und ihre Geschichte. Mich interessiert dies eher weniger, doch Italien mit seiner reichen Historie bietet dem Reiseführer genügend Material, welches er in vielen Absätzen ausführlich behandelt.

Als echtes Problem haben sich beim Lesen die Stadtpläne herausgestellt. Bei größeren Zielen sind sie auf ein oder zwei Seiten abgedruckt. Doch sie sind oft so skaliert, dass kein Platz für Straßennamen mehr blieb. Weiterhin passen sie nicht zum Text. Dort sind Wegerouten beschrieben, die aufgrund der fehlenden Straßennamen nicht nachvollzogen werden können. Teilweise müssen im Text genannte Sehenswürdigkeiten mühselig auf der Karten gesucht werden oder liegen gar außerhalb des Ausschnitts. Ein Reiseführer sollte mir bei der Orientierung helfen und dafür Informationen aufbereiten und nicht neue Fragen zum Verständnis aufwerfen.

Abgesehen von diesen konzeptuellen und qualitativen Problemen habe ich den Urlaub jedoch gut mit dem Baedeker planen können und hätte mir deshalb keine weitere Literatur zugelegt. Dank der Beliebtheit des Reiseziels Toskana fanden sich im Freundeskreis jedoch weitere Reiseführer, die ich für ergänzende Informationen herangezogen habe.

Dumont Toscana
2. Auflage 2011, ISBN 978-3-7701-7253-5, 14,95€

Im Gegensatz zum Baedeker und Marco Polo haben die Dumont-Reiseführer eine individuellere Herangehensweise. Die Autoren treten mit ihren Meinung weit mehr in den Vordergrund als bei den auf Objektivität bemühten Konkurrenten. Dies äußert sich in Rubriken wie dem Lieblingsort und den immer wieder die Texte unterbrechenden Entdeckungstouren und einem sehr persönlichen Schreibstil.

Dieser wirkt sich sogar auf den ansonsten in allen drei Reiseführern sehr ähnlichen Teil mit Hintergrundinformationen zu Land und Reise aus. Im Abriss zur Geschichte der Toskana nehmen die Jahre 1986 bis 2010 einen Viertel des Platzes ein. Dabei werden sogar Regionalwahlen angesprochen, wobei die Sympathie der Autorin erkennbar auf Seiten der politisch Linken liegt. Ich wurde dunkel an die rot gefärbte Sicht auf die Geschichte zu DDR-Zeiten erinnert.

An einigen Stellen ist die Autorin auch offener, als ich es aus Reiseführern gewohnt bin. So wirft sie einigen der erwähnten Restaurants ihre einfallslose Küche vor. Ob dies nur eine persönliche Note ist, sie vielleicht keine empfehlenswerten Restaurants kennt und ob die Konkurrenten weniger kritisch bei ihren Empfehlungen sind – ich weiß es nicht. Überrascht hat mich der leicht sarkastische Schreibstil auf jeden Fall.

Bei den Innenstadtplänen kann sich der Dumont mit übersichtlicheren Grafiken vom Baedeker absetzen. Dafür gibt es beim Layout Abstriche: Die Überschriftenhierarchie wird teilweise über Farben gelöst. So habe ich oft die Übersicht verloren, ob ich mich noch in dem Abschnitt zu nahen Reisezielen befinde bzw worauf sich die Rubrik Essen & Trinken gerade bezieht. Das lösen die Konkurrenten deutlich besser.

Marco Polo Toskana
16. Auflage 2010, ISBN 978-3-8297-0571-4, 9,95€

Der Marco Polo zeichnet sich vor allem durch seine Reduktion aufs Wesentliche aus. Persönliche Ansichten und Schreibstile der Autoren wie beim Dumont – hat er nicht. Schwerpunkte wie die Kunstgeschichte im Baedeker – hat er nicht. Gefühlt richtet er sich mehr an jüngere Leser (es gibt Hinweise für das Nachtleben), die kurz und bündig informiert werden wollen. Und kommt damit ganz gut bei mir an.

Die Reduktion kommt der geringen Seitenanzahl zu Gute. Der Marco Polo ist der einzige der drei Reiseführer, den ich unterwegs mitgenommen habe, weil er in die Beintasche meiner Hose gepasst hat. Zudem finde ich als begeisterter Turmsteiger es sehr angenehm, dass er Aussichtspunkte mit einem eigenen Symbol im Text hervorhebt. Da die Bilder gefühlt aktueller und passender sind und das Layout keine Fragen offen lässt, verzeihe ich ihm auch die nicht herausnehmbare und auf 16 Seiten aufgeteilte Karte.

Im Zweifel würde ich also den Marco Polo wählen, weil er einfach praktisch ist. Mit der Karte des Baedeker wäre er fast perfekt. Die anderen Reiseführer sind teurer und bieten dafür mehr Lesestoff. Da ich aber alle Reiseziele im Internet gegenchecke, benötige ich diesen höheren Informationsgrad gar nicht. Am Ende hätte ich mit jedem der drei den Urlaub gut planen können!

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