Officer Pembry

von Giwi Margwelaschwili,
erschienen im Verbrecher Verlag, ISBN 978-3-935843-90-4, 19,90€

Ich muss gestehen, dass ich noch nie etwas von Herrn Margwelaschwili gehört habe, bis ich die Leseprobe dieses Buches im Perlentaucher gelesen habe. Doch der kurze Ausschnitt hat mich mit seiner Idee fasziniert und da ich spätestens seit Stanislaw Lems Der Schnupfen auf das sehr seltene Genre SciFi-Krimi stehe, habe ich mir das Buch schnell zugelegt.

Dabei ist Officer Pembry eigentlich gar kein Krimi, denn es fehlt das Grundelement jeder Kriminalgeschichte, das Verbrechen. Vielmehr ist es eine kammerspielartige Auseinandersetzung mit Margwelaschwilis Forschungsthema in Romanform: Der von ihm geprägte Begriff Ontotextologie beschäftigt sich mit den Auswirkungen von Büchern auf unsere Welt und speziell die Beeinflussung der Geschichte durch bestimmte Werke.

In Officer Pembry wird dies ins Extrem gesteigert: Eine Unterabteilung des FBI, die prospektive Kriminalpolizei (PKP), ist mit der Verhinderung von Verbrechen beschäftigt, die in alten Kriminalromanen beschrieben wurden und die so viel Einfluss auf die Realität haben, dass sie sich dort wie beschrieben wiederholen, wenn die PKP es nicht verhindert. Diese Buchparallelität aufzuhalten ist jedoch nicht einfach, da die realen Personen, die zufällig in die Konstellationen des sie beschreibenden Buches geraten, plötzlich kaum noch Herr ihres eigenen Willens sind und es deshalb nicht von allein schaffen können, dem ihnen vorbestimmten Schicksal zu entgehen.

Officer Pembrys Schicksal ist dabei der Tod durch einen Angriff von Hannibal Lecter. Er ist in Thomas Harris Das Schweigen der Lämmer als einer der Gefängniswärter beschrieben, die den Ausbruch des Kannibalen nicht verhindern können. Der PKP-Kommissar Meinleser – der Roman ist aus seiner Sicht in der Ich-Form geschrieben, nomen est omen – muss nun den armen Pembry so trainieren, dass er seinem Buchschicksal entgehen kann. Was die Arbeit der PKP erschwert ist der als Tatsache verkaufte Punkt, dass ein Eingriff in die Buchparallelität immer nur kurz vor dem eigentlichen Verbrechen möglich ist, da sich dieses sonst einen anderen Weg in der Realität sucht und damit vollkommen außer Kontrolle der PKP abläuft.

Und da bin ich auch schon bei einem interessanten Aspekt des Buches. Die Logik, nach der die PKP gar nicht eher eingreifen kann, da sie sonst den Lauf des Textes beeinflussen würde, d.h. das Argument der starken Vorbestimmtheit, wird vorgeschoben, um so gut wie gar nichts zu unternehmen. Es scheint so, als ob sich die PKP eine Welt konstruiert, die ihre Existenz rechtfertigt, ohne dass man ihr nachweisen kann, dass sie so notwendig wie ein Kropf ist. Die Parallelität in unserer eigenen Realität ist dabei generell die präventive Verbrechensbekämpfung, ob sie nun Fußball-Hooligans oder Terroristen betrifft: Die Freiheit von Menschen wird eingeschränkt in der puren Hoffnung, damit Verbrechen zu verhindern. Doch niemand kann nachweisen, dass diese überhaupt begangen werden würden, d.h. es findet eine Vorverurteilung statt, ohne dass sich jemand überhaupt schuldig gemacht hat.

Gleichzeitig ist das Buch ein Sinnbild der heutigen Politik, die glaubt, dass man Verbrechensbekämpfung durch das Sammeln möglichst vieler Informationen betreiben kann, um daraus Schlüsse auf zukünftiges Handeln zu ziehen. Dies würde bedeuten, dass wir nicht mehr unser eigenes Handeln bestimmen, sondern dieses durch Aspekte wie Umfeld, Herkunft und andere als Informationen vorliegende Kriterien quasi vorbestimmt ist. Officer Pembry kann sich im Buch ab einem bestimmten Punkt gar nicht mehr seiner Buchparallelität entziehen, und trotzdem kann die PKP den Mord fast nicht verhindern. Die Aussage ist also, dass trotz einer theoretischen Vorbestimmtheit dies nicht automatisch bedeutet, dass man dadurch Verbrechen verhindern kann.

Das gesamte Buch lebt von diesem theoretischen Exkurs über Margwelaschwilis Ontotextologie. Der Schreibstil ist dabei angenehm altmodisch und lebt von den vielen Vokabeln, die sich der Autor für die Beschreibung der verschiedenen Effekte der Buchparallelität ausgedacht hat: Debuchpersonifizierung, krimibibliobiologisch, antithematisch und Zeilenlinienlebenszeit sind nur einige Ausdrücke, die das Lesen in der Lesewelt zu einem Erlebnis werden lassen.

Wer also gerne etwas abstrakter unterhalten werden will und Gedankenspiele als Ersatz für Handlung akzeptiert, dem sei dieses Buch ans Herz gelegt. Ich wende mich jetzt dem neuen Tad Williams zu, der im Gegensatz zum Pratchett (über-)pünktlich erschienen ist.

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