Rachephantasien

Nicht nur die Simpsonsfolge vom letzten Sonntag, auch Hollywood setzt sich mit dem Thema Rache immer wieder gerne auseinander – Scorseses Filme (Gangs of New York, Departed) leben fast ausschließlich davon. Lucky Number Slevin und Prestige – Meister der Magie sind zwei weitere Ausprägungen dieses Genres.

Ersterer Film lief leider nie in den deutschen Kinos, obwohl Bruce Willis wohl schon allein seine Gage wieder eingespielt und mich in den Kinosessel getrieben hätte. Als Profikiller mit ab und zu hervorblitzendem Mitleid unterstützt er seinen Findling dabei, zwei Bosse von Wettsyndikaten auszuschalten, die für den Tod von dessen Familie verantwortlich sind.

Der Film ist nicht atemberaubend spannend oder innovativ und irgendwann stellte sich bei mir – trotz des Dahinscheidens von so ziemlich jeden Charakters, der einmal die Handlung kreuzte – eine gewisse Gleichgültigkeit ein. Doch die flink geschnittene Inszenierung und die flotten Dialoge zwischen Lucy Lu und Josh Hartnett unterhalten ganz gut – bis am Ende aller Witz verloren geht, als nur noch die Rachegeschichte aufgelöst wird und der Regisseur sich dafür ganze 20 Minuten Zeit nimmt.

In Prestige, der seine Handlung auf zum Teil dreifach verschachtelten Zeitebenen präsentiert, fängt der Rachefeldzug dagegen schon nach kurzer Spieldauer an. Der eine Magier verschuldet durch zuviel Ehrgeiz den Tod der Frau des Kollegen, woraufhin dieser des anderen Karriere durch eine Kugel in die Hand verhindern möchte. So schwingt sich die Spirale der Aktion und Reaktion über Beinbruch bis hin zum Mord auf, denn keiner kann dem anderen etwas vergeben und versucht gleichzeitig, ihn auch auf der Bühne zu übertreffen.

Eingebettet ist die Handlung in das England der Jahrhundertwende zum 20. Jahrhundert, und so sind Elemente dieser Zeit wie die sich verbreitende Elektrizität elegant in die Geschichte integriert. Geschickt spielt der Film mit dem durch das damalige Unwissen über die Technologie verbundenen Aberglauben über dessen Möglichkeiten und mit den Tricks der Magier. Eigentlich werden nur genau zwei davon während des Filmes genauer betrachtet, und trotzdem hält sich die Spannung über die gesamten zwei Stunden Spielzeit, denn man ist als Zuschauer schon interessiert, wie die Illusion funktioniert, und wird durch die kunstvoll verschachtelte Erzählweise lange Zeit hingehalten.

Mit dem Viergestirn Hugh Jackman, Christian Bale, Michael Caine und Scarlett Johansson hat man zudem ein Schauspielerensemble zusammengestellt, welches trotz der ähnlich limitierten Rollen wie in Lucky Number Slevin desses Besetzung (u.a. Ben Kingsley) in Sachen Qualität und Darstellerleistung schlägt. Dies liegt aber auch daran, dass sich Prestige viel ernster nimmt und mit Maske und Makeup eine Illusion erzeugt, die Slevin an keiner Stelle überhaupt benötigt (ich habe David Bowie als Tesla gar nicht erkannt!). Eine Illusion für die Darstellung von Illusionen – das Kino ist eindeutig die momentan interessanteste Form des Geschichtenerzählens!

Was mir aber schwer auf den Magen geschlagen hat und erst zu diesem Blogeintrag führte war die offene Darstellung von Rache ohne jegliche Auseinandersetzung damit. In Slevin sterben mal eben 20 Menschen, um die Rache eines Einzelnen zu befriedigen und die beiden Killer zucken mit keiner Wimper – da haben die ersten beiden Batman-Filme von Tim Burton deutlich mehr Schattenseiten eines vergleichbaren Charakters offenbart und wie schwer es ist, als Racheengel zu leben.

In Prestige wird zumindest über die Nebenfiguren eine ständige Kritik an der Obsession der Rache geübt, und doch fällt es mir als Zuschauer schwer, diese über Jahre anhaltende Feindseligkeit der beiden Magier zu akzeptieren. Aber Hollywood ist eben immer ein Spiegel seiner Zeit, und wenn die Regierenden dieser Welt ständig nur nach Vergeltung schreien – an den Terroristen, an den Aufrüstern, sogar an den „Sozialschmarotzern“ – dann spiegelt sich dies auch in den Filmen wieder. Eine ähnliche Betrachtung habe ich bereits über die Terminatortrilogie geführt, deren Bild unserer Welt das jeweilige Jahrzehnt gut erkennen lässt.

Ich kann abschließend nur hoffen, dass diese Phase wie alle vor ihr zu Ende geht, sonst werde ich wahrscheinlich noch depressiver als ohnehin schon…

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