Subversion zur Prime-Time – Die Simpsons und die Mythen der Gesellschaft

von Michael Gruteser/Thomas Klein/Andreas Rauscher (Hrsg.),
erschienen bei Schüren, ISBN 3-89472-332-7, 14,80€

Als die Simpsons 1991 im ZDF anliefen war ich 10 Jahre alt und einfach nur an Zeichentrick interessiert. Die Serie machte mir Spaß, wusste ein Kind und seine Eltern zu unterhalten und so wuchs ich in Begleitung der gelben Familie auf. Erst nach und nach reifte mit zunehmenden Alter die Erkenntnis heran, dass sich dahinter mehr als Comedy verbarg und mit wachsendem Wissen entdecke ich noch heute in alten Folgen neue versteckte Anspielungen, die die Rezeption zu einem Erlebnis werden lassen (von den Anspielungen auf sich selbst ganz zu schweigen).

Subversion zur Prime-Time als Sammlung von Aufsätzen hat es sich nun zur Aufgabe gemacht, die Simpsons aus gesellschaftlicher Sicht zu analysieren. Die Verfasser sind Soziologen aus dem Bereich der Medien, die sich jedoch in ihren Beiträgen auch als Fans outen und sich verschiedene Schwerpunkte für ihre Analysen gesetzt haben. Da das Buch in der zweiten Auflage vorliegt, gibt es innerhalb der Texte verschiedene Referenzen aufeinander und drei Feststellungen finden sich bei allen Autoren wieder: Die Simpsons leben von dem sogenannten „lateralen Apropos“ (was bedeutet, dass innerhalb des beschränkten Rahmens des wöchentlichen Comedy-Cartoons aus dessen Grenzen ausgebrochen und links und rechts der Handlung alles in Frage gestellt wird, nur um am Ende wieder bei der Ausgangssituation zu landen), jubeln dabei dem „Underachiever (and proud of it)“ zu und lieben den „Second-Best“ (dies äußerst sich darin, dass vor allem in prominenten Nebenrollen die Erfolgreichen meist schlecht wegkommen, während die Verlierer wichtiger Entscheidungen positiv dargestellt werden (was bei Al Gore zu einer Ambivalenz führt)).

Ansonsten unterscheiden sich die Aufsätze doch trotz (oder gerade aufgrund) des breiten Themenspektrums deutlich in Inhalt und Qualität. Der Artikel „Little Shop of Homer“ zum Beispiel kommt selten über das Niveau der bloßen Aufzählung von ausgewählten Simpsons-Merchandise-Artikeln hinaus, während der Text über die Geschlechterbilder durch die nicht durchgängige Auseinandersetzung der Serie mit der Thematik kaum mehr als oberflächliche Einblicke liefert.

Dagegen überzeugt „Prügelviehzeug“ von Thomas Klein durch seinen vielseitigen Diskurs um das Thema Gewalt in Cartoons. Hier werden nicht nur Vorbilder und Referenzen von Itchy und Scratchy auseinander genommen und in einen Kontext gesetzt, sondern auch Diskussionen um die Rezeption geführt, die sicherlich im Sinne der Simpson-Schöpfer ist. Michael Gruteser dagegen vergleicht das Bild der Familie bei den Simpsons mit dem der Flintstones und der Peanuts, um daran Rückschlüsse auf die moderne Gesellschaft zu ziehen und die von mir einleitend angesprochenen Rezeptionsebenen als die große Stärke der Serie in den Vordergrund zu stellen.

Der dritte Herausgeber Andreas Rauscher hat sich dagegen ganz der Einordnung der Simpsons in die Popkultur verschrieben. In „Method Acting im Kwik-E-Markt“ analysiert er genüsslich Zitate und Referenzen, um immer wiederkehrende Einflüsse wie die Postmoderne, die Kulturindustrie, den schon angesprochenen „Second-Best“ sowie sich selber auf einer Meta-Ebene zu dekonstruieren. Was es davon in die Quasi-Spin-Off-Serie Futurama geschafft hat, ergründet er schließlich mit dem letzten Aufsatz der Buches, der gekürzt auch online verfügbar ist.

Abschließend gibt es noch einen kurzen, kommentierten Episodenführer zu den Simpons (bis zur 12. Staffel) und Futurama, der jedoch wie der Rest des Buches etwas unter der mangelnden Aktualität leidet (die letzte Auflage stammt aus dem Jahr 2002).

Fazit: Subversion zur Prime-Time ist ein Buch von Fans für Fans, die sich mit ihrer Lieblingsserie mal etwas tiefgründiger befassen wollen. Die Qualität der Artikel ist zwar schwankend und die aktuelle Auflage ist mittlerweile sechs Jahre alt, aber wer vor soziologischen Aufsätzen keine Angst hat sollte ruhig einmal einen Blick in das Buch riskieren.

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