Funny Games

Ich habe mir an den letzten beiden Abenden Original und Remake von Michael Hanekes wohl bekanntestem Werk angesehen und will nun ein paar Worte darüber verlieren. Auffallend ist, dass der Regisseur seinen eigenen Film für die 2007er U.S.-Version fast 1:1 nachgedreht hat; nur leicht modifiziert für den amerikanischen Kulturkreis. Die meisten Einstellungen sind identisch, die Kulissen (vor allem das Haus) weisen eine unglaubliche Übereinstimmung auf und auch die Dialoge in den deutschen Versionen gleichen sich bis auf ein paar wenige Modernisierungen. Der größte Unterschied besteht in der Besetzung der Rollen, wobei mir die mitteleuropäischen Schauspieler ein wenige besser gefallen haben. Sie wirken einfach authentischer und weniger overacting in ihrer Verkörperung des Bürgertums, da kann auch ein Michael Pitt nichts daran ändern.

So viel Übereinstimmung deutet darauf hin, dass die Form des Films eines wichtige Rolle für Haneke spielt. Und so wundert es auch nicht, dass sich zwei immer wiederkehrende Themen in seinen Filmen auch in Funny Games wiederfinden. Das Eine ist das Eindringen einer Gefahr in die sorgsam geschützte Privatsphäre einer Familie, die zeigt, wie verletzbar sie gerade durch die Abschirmung ist. Die Schutzmauern bilden plötzlich ein Gefängnis, in welchem die scheinbar heile Welt zwar durch äußere Einflüsse, aber doch von innen heraus zerstört wird – das zweite wichtige Element vieler Haneke-Filme, auf das ich nun detaillierter eingehe.

Die äußeren Einflüsse werden verkörpert durch die beiden jugendlichen Eindringlinge, die ganz in weiß gekleidet plötzlich auf der Schwelle des Hauses stehen. Doch ähnlich wie die Videos in Caché stehen sie synonym für den Einfluss der Zuschauer auf die Handlung. Die Farbe Weiß symbolisiert deren Selbstsicht, den Anschein der Unschuld zu erwecken, während die Handschuhe darauf hinweisen, dass die Betrachter auf der anderen Seite des Fernsehers oder der Leinwand schon allein durch ihren Voyeurismus Einfluss ausüben, ohne jedoch Spuren zu hinterlassen. Und damit wird auch der scheinbare Sadismus, mit dem Haneke die Familie nach und nach auslöscht und jede kleinste Hoffnung auf ein nicht so deprimierendes Ende zerstört, als Sadismus des Zuschauers entlarvt, der sich diesen Film ja offensichtlich ansieht und von den beiden Eindringlingen in dieser Rolle auch direkt angesprochen wird. Der Einfluss bei einem passiven Medium wie dem Kino ist zwar nur symbolisch, aber zumindest weiß das Publikum vorher, was es von einem Film zu halten hat, und schaut sich diesen bewusst an. Damit ist es auch verantwortlich für Filme, die seine Erwartungen entsprechen wollen, und die daraus resultierende Handlung – und genau dies zeigt Haneke auf drastische Art und Weise.

Die Rolle der Zuschauer wird besonders deutlich in einer Szene, in der die Kamera und damit auch der Betrachter einem der Eindringlinge über die Schulter schaut, während dieser mit der Fernbedienung den Fernseher bedient. Diese beiden auffallend häufig ins Bild gesetzten Elemente – Fernseher und Fernbedienung – haben eine wichtige Symbolik in Funny Games; sie bilden die schon erwähnte Ambivalenz des Publikums ab. Das TV-Gerät steht dabei für seine scheinbare Passivität, während die Fernbedienung den aktiven Einfluss, die Steuerung einzelner Aspekte der Handlung, symbolisiert.

Wenn die Familie zu Beginn mit einer Fernsteuerung das Tor zum Grundstück schließt, so verbaut sie sich damit auch den wichtigsten Fluchtweg. Sowohl der Sohn als auch die Mutter werden das Tor bei ihren Fluchtversuchen nicht überwinden können, denn fortan liegt die Steuerung in der Hand der Eindringlinge. Sie bestimmen über die TV-Fernbedienung das Programm und die Handlung; sie sind sogar in der Lage, ein in der Filmkontinuität passiertes Ereignis durch Zurückspulen ungeschehen zu machen – sie sind der in Rollen gekleidete verlängerte Arm der Zuschauer und wissen dies zu nutzen.

Die schon erwähnte Zapping-Szene passt als Analogon gut zu den verschiedenen Geschichten, die die Eindringlinge über sich erzählen (und sich zum Beispiel die Namen Beavis und Butthead geben). So wie ein Zuschauer vor dem Fernsehgerät durch verschiedene Sender wechselt, so wird hier beliebig durch Hintergründe der Eindringlinge gewechselt – sie sind austauschbar, soll dies heißen, und nicht weiter wichtig in ihrem Inhalt, sondern nur in der Symbolik als Medienentitäten. Damit erklärt sich auch die amüsierte Reaktion auf die Aussage des Vaters, dass er das Spiel verstanden hat. Er hat eben nicht begriffen, dass er nur ein Spielball ist in der Unterhaltung des Publikums. Zitat:

Unterschätzen Sie bitte nicht den Unterhaltungswert

Und so verbirgt sich hinter dem Reflex der Mutter, die nach dem Tod ihres Sohnes zuerst das Fernsehgerät auszuschalten versucht, auch die Hoffnung, auf diese Art und Weise den äußeren Einfluss über die Fernbedienung zu unterbinden. Doch das Blut ihres Sohnes bleibt außen am Fernseher kleben und verdeutlicht die Sinnlosigkeit der Aktion. Der Einfluss kommt von außerhalb ihrer Filmrealität und so wie die Sendungen in ihrem TV sich nicht auf die Filmhandlung auswirken kann sie auch keinen Einfluss auf den Zuschauer ausüben und ihre Qualen beenden; sie kann dem von außen bestimmten Ende nicht entgehen.

Zum Schluss des Films, als es um den Sinn hinter all dem Sadismus geht, lässt Haneke seine beiden Eindringlinge noch etwas über Fiktion und Realität innerhalb von Filmen philosophieren und kommt erneut zum Schluss, dass es aus Sicht der Betrachter keinen Unterschied macht. Der Inhalt ist, wenn nicht komplett erfunden, so doch manipulativ zusammengeschnitten und auf die Erwartungen eines Publikums ausgerichtet. Wir als Zuschauer bekommen die Filme, die wir fordern, bei der Rezeption sollte man jedoch aufpassen, die Bilder nicht als real zu verstehen, sondern die Intention hinter dem medialen Abbild zu ergründen. Was ich für Funny Games hiermit getan habe.

Einen Kommentar schreiben

(optional)