Portugal – Die Algarve

Die Algarve im Süden des Landes ist die wohl bekannteste Region Portugals und wegen ihrer tollen Atlantikküsten, wo sich beeindruckende Klippen mit feinen Sandstränden abwechseln, ein beliebtes Urlaubsziel. Die touristische Erschließung hat dazu geführt, dass man sich überall mit Englisch verständigen kann und es viele Restaurants und Kneipen gibt. Allerdings hat der Massentourismus auch Hotelburgen und -vororte entstehen lassen und manches kleine, verschlafene Dorf mit Villen zugepflastert. Zum Glück hat die Algarve immer noch genug Ursprüngliches zu bieten, das man überall entdecken kann und auch sollte; am Besten wie meine kleine Reisegruppe per Mietauto. Ich möchte die Algarve aber nicht erleben, wenn im Hochsommer alle Betten belegt sind und sich Engländer, Holländer und Deutsche die Klinke in die Hand geben.

Im November hält sich der Andrang der Sonnenbader zum Glück in Grenzen, denn der Atlantik ist zu dieser Zeit schon relativ ungemütlich. Geschätzte 15 Grad hatte das Wasser, in das ich mich nur ein paar Minuten getraut habe, bevor die Muskeln anfingen zu frieren. Es gibt wirklich schöne Strände zu Hauf, doch wenn man die Algarve auf Bade- oder Golfurlaub reduziert hat man nicht viel gesehen vom Land.

Dessen bewegte Vergangenheit – von den Kelten über die Phönizier, Karthager, Römer, Goten bis hin zu den Mauren haben viele Volksstämme ihre Spuren hinterlassen – lebt in den vielen kleinen Dörfern weiter. Orte wie Lagos oder Portimão sind schon seit Jahrtausenden Hafenstädte; als Gouverneur der Algarve legte Heinrich der Seefahrer hier den Grundstein für das Kolonialimperium Portugals. Fast in jedem Ort finden sich alte, von den Mauren gebaute Mauern oder Kastelle, die in das Bild der Ortschaften integriert wurden.

Faro

Die meisten Algarve-Reisenden werden Portugal wohl über den Flughafen Faro erreichen. Der Anflug von Süden offenbart schon einmal die grandiose Kulisse der südlichen Atlantikküste mit ihren vorgelagerten Düneninseln und den sich im Hinterland erhebenden Hügeln. Faro selber wird leider dominiert vom Flugverkehr, der überall in der Stadt zu hören ist.

Wen das nicht stört, der findet eine reizvolle Innenstadt vor (cidade velha), deren komplett erhaltene Mauern mit ihren kleinen Toren u.a. die Kathedrale einschließen und ihren von Orangenbäumen umrahmten Vorplatz. Die Kirche Nossa Senhora do Carmo mit ihrem Totenkopfaltar hatte leider geschlossen und entzog sich so unserem Besuch.

Das Hinterland

Der Reiseführer bezeichnet alles, was von der Küste aus gesehen hinter der Autobahn A22 liegt, als das Hinterland. Im Gegensatz zur Küste leben hier nur wenige Menschen, aber es gibt doch einiges zu sehen. So haben fast alle Städte an der Algarve eine Markthalle, in der man am Morgen frischen Fisch kaufen kann. Die Halle in Loulé beeindruckt durch ihre Größe und Produktvielfalt; wer die Produkte der Region kaufen möchte ist dort am richtigen Ort. Von Piri-Piri über Honig, Gebäck, Alkohol bis hin zu den vielen lokalen Muschelsorten gibt es alles frisch vom Produzenten.

In Silves, über den Fluss Rio Arade auch vom Meer aus zu erreichen, erwartet den Besucher das Castelo dos Mouros mit seinen tiefen Zisternen aus der Maurenzeit. Leider hat die Zeit nicht ausgereicht, es zu besichtigen, doch von Freunden wurde es mir wärmstens empfohlen – also gebe ich die Empfehlung einfach weiter.

Neben den Hügeln besitzt das Hinterland aber auch richtige Berge. In der Serra de Monchique, auch Garten der Algarve genannt, ragen der Fóia (902m) und der Picota (773m) hervor. Die meist in den Wolken gelegenen Gipfel sorgen für ein nass-warmes Klima, wodurch fast das gesamte Jahr über Bäume und Blumen blühen. Bei gutem Wetter könnte man von dieser Höhe aus neben den Terassenfeldern fast die gesamte Algarve überblicken, doch zum Einen lag die Serra bei unserem Besuch komplett in den Wolken und zum Anderen sollte man nicht bis ganz hinauf auf den Fóia fahren – dort prägen Handy- und militärische Sendemasten das Bild.

Die Stadt Monchique als Namensgeber der Serra schmiegt sich von einem Tal aus die umliegenden Berghänge hinauf. Kleine Gässchen führen u.a. zum Convento de Nossa Senhora do Desterro, einer Klosterruine, die allerdings mit Privatbesitz-Schildern die Besucher von weiteren Erkundungen abschreckt. Wie an vielen Stellen in der Serra finden sich hier ganze Wälder voller Korkeichen, die im November gerade den Boden mit Eicheln bedeckten. Diese für die Algarve typischen Bäume besitzen eine Schale aus abgestorbener Rinde, die alle neun Jahre abgeerntet werden kann und – nomen est omen – zur Produktion von Kork(en) verwendet wird.

Etwas südlich von Monchique liegen die caldas; heiße Quellen, die schon von den Römern genutzt wurden (wen wundert es). Heute gibt es dort ein Thermalbad – Monchique ist Luftkurort – und an der Mineralquelle eine Art Botanischen Garten. Das Quellwasser kann man auch selber abfüllen; ich habe gekostet und erfreue mich seitdem bester Gesundheit. Postkarten nach Deutschland würde ich in Monchique aber nicht einwerfen. Keine einzige ist bisher angekommen…

Fast ebenso oft wie Korkeichen findet man im Hinterland Stauseen. Auf dem Weg entlang einer Reiseführerroute haben wir den Barragem da Bravura gefunden, in dessen Umgebung die Erbbeerbäume wachsen. November ist Erntezeit für die kleinen, roten Früchte, aus denen der Medronho-Schnaps hergestellt wird, und wir haben tatsächlich einen älteren Einheimischen gesehen, der einen schweren Korb voll mit Beeren trug. Ansonsten gibt es direkt am Parkplatz kurz vor der Staumauer ein von sympathischen, vielsprachigen Holländern geführtes Restaurant namens Hänsel und Gretel, auf dessen Karte alle Speisen märchenhafte Namen tragen. Von dort aus führen viele Wanderwege entlang des Stausees und man kann sich mit Proviant eindecken, so dass es ein idealer Startpunkt für Wandertouren ist.

Die Westküste

So bekannt die Südküste Portugals für ihre sandigen Strände und idyllischen Badebuchten ist, so beliebt ist die Westküste bei den Surfern. Dort rollen die großen Atlantikwellen noch unaufhaltsam gegen die Klippen und verwandelt sich die Gischt der Brandung vom ungebremsten Wind getrieben in feinen, salzigen Sprühnebel. Besonders beeindruckend ist dies am Praia da Bordeira in der Nähe von Carrapateira. Dort ist dem Strand noch ein kleiner Bodden vorgelagert, so dass man ihn trockenen Fußes nicht erreichen kann. Am Strand angekommen wartet nicht nur die direkte Konfrontation mit den Urgewalten des Ozeans, sondern auch eine auf einer Stranddüne gelegene Holzhütte, die im Sommer eine Surfschule beheimatet.

Folgt man der Steilküste mit dem Auto Richtung Süden, so bietet sich aller hundert Meter ein neues beeindruckendes Panorama. Holzstege führen jeweils von der Straße bis zur Klippe und wer will kann ungehindert auf den Felsen herumklettern.

Die Südküste

Im südwestlichsten Teil des Landes liegt mit Sagres das einstige Ende der Welt, um das wir jedoch einen Bogen gemacht haben. Von dort aus führt die Straße N125 die gesamte Algarve entlang. Es lohnt sich jedoch, die Abfahrten zu den vielen kleinen Küstenorten wie Salema, Burgau oder Luz zu nehmen, da diese teilweise noch den Esprit der Fischerdörfer ausstrahlen. In Salema direkt am Strand in einem kleines Restaurant Fischsuppe zu essen und mitzuerleben, wie der nahende Sonnenuntergang den Sand und das Meer in warme Rottöne taucht, ist einfach unbeschreiblich.

Die Stadt Lagos mit ihrer langen Hafenmole ist als Touristenzentrum schon ein anderes Kaliber. Hier finden sich Kirchen, ein kleines Fort von Heinrich den Seefahrer und ein ehemaliger Sklavenmarkt. Die gut erhaltene Innenstadt mit ihrer Stadtmauer versteckt viele kleine Gassen, von denen sich von den höchsten Punkten aus ein toller Blick über die gesamte Stadt eröffnet.

Sehenswert ist auf jeden Fall die Ponta da Piedade, ein kleines Kap bei Lagos. Auch hier kann man ungehindert auf den zerklüfteten, 20m hohen Klippen herumklettern und die Blicke auf die Felslandschaft von allen Seiten genießen. Eine Treppe führt hinunter zu einer (langweiligen) Grotte; im Sommer starten hier Bootstouren, auf denen man die Vielfalt der Felsformationen und Höhlen kennenlernen kann. Im November ist es jedoch ruhiger, und so kam uns beim Abstieg ein Taucher in Neoprenanzug und mit Harpunen entgegen, der geschätzte 10kg an frisch gefangenen Fisch über der Schulter trug.