Das Kabinett des Doktor Parnassus

UK/Kanada/Frankreich (2009)
Regie: Terry Gilliam
Darsteller: Christopher Plummer (Doktor Parnassus), Tom Waits (Mr. Nick), Lily Cole (Valentina), Andrew Garfield (Anton), Verne Troyer (Percy), Heath Ledger & Johnny Depp & Jude Law & Colin Farrell (Tony) und andere Imaginationen

Offizielle Homepage

Man stelle sich vor, auf dem Parkplatz vor dem Baumarkt steht eine heruntergekommene mobile Bühne und eine Handvoll Schauspieler verspricht, jedem Interessierten für nur fünf Britische Pfund eine Reise in die eigene Fantasie zu ermöglichen, indem man einen Spiegel durchschreitet. Wer würde dieses Angebot annehmen? Wahrscheinlich niemand. Und genauso geht es Doktor Parnassus mit seiner Jahrmarktsattraktion, als Anachronismus im modernen England fehl am Platz, und deshalb müssen er und seine Darsteller ein armseliges Leben auf der Straße führen.

Dabei könnte es einem Spieler, der mit dem Teufel gewettet und das ewige Leben gewonnen hat, so viel besser gehen. Doch für seine große Liebe hat er nicht nur die Unsterblichkeit, sondern auch seine Tochter als Einsatz in einer weiteren Wette verloren und die Einlösung der Schulden steht kurz bevor. Da findet die reisende Gruppe den charmanten Verführer Tony – aufgehängt unter einer Londoner Brücke, aber noch lebendig. Parnassus sieht in ihm ein Zeichen, eine neue Chance, und tatsächlich bietet ihm der Teufel kurz darauf eine weitere Wette an…

Anfang 2008 verstarb Heath Ledger inmitten der Dreharbeiten zu diesem Film. Die Außenaufnahmen waren abgeschlossen, doch die Studiodreharbeiten standen noch bevor. Beinahe wäre Doktor Parnassus durch dieses tragische Ereignis ein weiteres gescheitertes Projekt von Terry Gilliam geworden; der Regisseur war bereits so weit, den Film aufzugeben. Doch dann erklärten sich Johnny Depp, Jude Law und Colin Farrell bereit, für ihren verstorbenen Freund in die Bresche zu springen. Und die glückliche Fügung, dass nur noch Szenen in der Fantasiewelt hinter dem Spiegel anstanden, ermöglichte eine Fortführung der Aufnahmen unter minimalen Anpassungen des Drehbuchs.

Und ich kann nur feststellen, dass dies dem Film nicht geschadet hat. Der Wechsel der Schauspieler beim Durchschreiten des Spiegels führt zu einigen witzigen Szenen, und vor allem Johnny Depp (als Verführer alter Damen) und Colin Farrell (als über Leichen gehender Karrierist) scheint die jeweilige Episode wie auf dem Leib geschrieben. Zudem stehen die Spiegelszenen in einem extremen optischen Kontrast zum Rest des Films, so dass der Zuschauer die Verwandlung leicht akzeptiert.

Die reale Welt in Form des heutigen London wird recht düster dargestellt. Entweder spielt sich die Handlung in dunkler Nacht ab oder in der Industrieruine, die der fahrenden Bühne als Parkplatz dient. Die überbordernde Fantasie der Spiegelwelt findet hier nicht statt, die einzige sichtbare Magie sind die Taschenspielertricks von Anton und die Schattenspiegelung des unter einer Brücke aufgehangenen Tony. In der Spiegelwelt hat sich Terry Gilliam dafür um so ausgiebiger ausgetobt. Immer wieder haben mich die vielen dort realisierten Ideen zum Schmunzeln gebracht; teilweise strahlen die Sequenzen den so geliebten Humor aus Monty-Python-Zeiten aus, wenn zum Beispiel Jude Law auf riesigen Stelzen durch die Welt schreitet und sich später ein Polizistenhelm aus dem Boden gräbt und ein paar Polizisten ein Musical aufführen.

Doch so stark sich die Fantasiewelten von der düsteren Realität abheben, der Spiegel als Tor in diese Welten ist nicht ohne Grund gewählt. Denn immer spiegeln die Bilder auch einen Teil der echten Welt wieder, nur eben in der Wahrnehmung und Verfremdung durch den durchschreitenden Charakter. So wird der Schritt durch den Spiegel zu einer Realitätsflucht, den mit Tony angefangen die meisten zahlenden Gäste dringend nötig haben, so sehr haben sie die Fantasie aus ihrem eigenen Leben verbannt, so sehr haben sie die allgemein herrschende Wahrnehmung als die ihre akzeptiert und übernommen. Dennoch sollte man den Bildern im Spiegel nicht trauen, gibt es uns Gilliam durch die Worte Antons mit auf den Weg, denn so gut es ist, die eigene Fantasie auszuleben, so gefährlich ist es, sich komplett in diesem Wunschdenken zu verlieren wie es Tony tut. Wer sich jedoch keine Vorstellungskraft erhalten hat, wie der Betrunkene zu Beginn der Films, der kann sich auch nicht darin verlaufen, dann ist die reale Welt fast gleichbedeutend mit der Fantasiewelt.

Diese Spiegelmetapher wird ergänzt durch das Bild der Bühne, auf der der Spiegel steht. Schon bei Gilliams Baron Münchhausen stand diese für einen Rückzugsraum gegenüber dem Fortschritt; einem Ort an dem die Zeit stillsteht und die Illusion noch mit klassischen Mitteln erzeugt. Es gibt Seilzüge, Vorhänge und Requisiten ohne Ende, aber trotzdem findet die eigentliche Magie im Kopf statt, in Doktor Parnassus versinnbildlicht durch ebenjenen Charakter. Als er seiner Tochter von der Vergangenheit erzählt, einer Geschichte über das Geschichtenerzählen, dann benötigt er nicht einmal das Hilfsmittel der Bühne dafür.

Wenn der Zuschauer am Ende sieht, wie Parnassus auf der Straße die vorbeilaufenden Passanten fasziniert, nur mit einer Handbühne für die Darstellung seiner Geschichte ausgerüstet, dann wird die Doppelbödigkeit und Hintergründigkeit von Gilliams Handlungsebenen sichtbar. Hat sich der gesamte Film vielleicht nur in seinem verwirrten Kopf abgespielt, hat er eine Passantin als seine Tochter eingebaut, Tony aus den Zeitungen übernommen und den sarkastischen, spöttenden Tom Waits als notorischen Spieler zum Teufel erklärt?

Fazit: Das Spiel mit Realität und Fantasie, um Traum- und Vorstellungswelten ist zentrales Thema von Das Kabinett des Doktor Parnassus. Geschickt verschachtelt auf mehreren Handlungsebenen fasziniert der Film mit einer Vielzahl von überraschenden und abgedrehten Ideen. Zum Glück hat der Tod von Heath Ledger während der Dreharbeiten nicht geschadet; gerade die Ersatz-Tonys Johnny Depp und Colin Farrell überzeugen und mit der Wahl von Tom Waits als Darsteller des Teufels ist Gilliam ein echter Geniestreich gelungen. Wer also die bisherigen Werke des Regisseurs mochte, der wird auch hier alles andere als enttäuscht werden.

Kommentare

  1. Peter Hood

    Gut getroffen. Mich erinnert das Kabinett momentweise an „Santa Sangre“, anderseits aber auch Tim Burton: absolut fantastisches und niederstreckendes dicht beieinander. Falls Interesse da ist, das entsprechend ausformuliert zu lesen: http://www.resurrection-dead.de/dailydead/Das-Kabinett-des-Dr.-Parnassus-Gilliam-Terry-1819

    Gruß

Einen Kommentar schreiben

(optional)