Gewalt erzeugt Gegengewalt

Schon Hermann Hesses Roman Unterm Rad war eine Abrechnung mit dem deutschen Schulsystem Ende des 19. Jahrhunderts mit seiner gefährlichen Mischung aus preußischen und kirchlichen Einflüssen, das in seinen Zwängen keinen Platz ließ für die Kinder und viele zerstörte anstatt sie auf das Leben vorzubereiten. Michael Haneke greift mit seinem in Cannes mit der goldenen Palme prämierten Film Das weiße Band dieses Thema nun auf und seziert mit seinem gewohnt präzisen, scharfen Blick erneut die Probleme und Abgründe einer Gesellschaft.

Als Schauplatz dient dabei ein kleines, norddeutsches Dorf, in welchem kurz vor Beginn des ersten Weltkriegs seltsame Unfälle passieren. Zuerst stolpert der Arzt mit seinem Pferd über ein aufgespanntes Seil, dann wird der Sohn des Barons misshandelt im Wald aufgefunden und schließlich passiert selbiges dem behinderten Kind der Hebamme. Doch weder die Leute im Dorf noch die aus der Stadt herbeigerufene Polizei können den oder die Täter ermitteln. Der junge Dorflehrer dagegen hat beobachtet, dass die Kinder seiner Klasse sich auffällig verhalten und an allen Tatorten anwesend waren – doch niemand will ihm glauben.

Haneke zeichnet das Bild dieses Dorfes an Hand der dort lebenden Familien. Da ist der Pastor mit seinen sechs Kindern, über die er ein strenges Regiment führt. Damit sich sein ältester Sohn nicht unsittlich berührt, wird er nachts an das Bett gefesselt, und bei den häufigen Betrafungen mit Rutenschlägen müssen die Kinder der Aktion zustimmen und die Rute selber holen gehen. Der Dorfarzt dagegen hat nach den Tod seiner Frau deren Rolle mit der Hebamme besetzt, doch er vergreift sich ebenso an seiner Tochter, während er die Hebamme verbal demütigt. Generell ist das Frauenbild noch stark patriarchatrisch geprägt; die Väter und Männer treffen die Entscheidungen, während ihre Frauen diese und das System zumindest passiv unterstützen und nur selten dagegen aufbegehren.

Die meisten Familien im Dorf stehen direkt im Dienst des Barons, dem alleinigen Besitzer der Felder. Um diese einzige Chance auf Arbeit nicht zu gefährden, verstößt ein Bauer schon einmal seinen Sohn und verprügelt der Gutsverwalter seinen Sohn, weil dieser dem Nachwuchs des Barons eine Flöte gestohlen hat. Die meisten Erwachsenen wissen mit dem durch die Abhängigkeit und die mangelnde Perspektive aufgebauten Druck nicht umzugehen und geben ihn direkt an ihre Kinder weiter.

So wächst die Jugend des Dorfes in einem Umfeld von festen, einengenden Strukturen auf. Die gesellschaftlichen, aber oft dem Alter unangemessenen Grenzen lassen weder ihnen noch den Eltern einen Spielraum, bereits kleinste Abweichungen von der Norm werden mit physischer wie verbaler Gewalt bestraft. Gleichzeitig gibt es unter dem Deckmantel der allgemein akzeptierten Züchtigung auch Perversitäten wie den sexuellen Missbrauch von Kindern, über die zwar das gesamte Dorf tuschelt aber trotzdem die Autoritätspersonen gewähren lässt, die ihre Autorität nur aufgrund ihres gesellschaftlichen Status haben. Vorbilder sind sie so nicht; die Kinder müssen einem allgemein akzeptierten Bild der Sittlichkeit und des Anstands entsprechen, dem ihre eigenen Eltern nicht gerecht werden.

So zeigen die antiquierten Erziehungsmethoden nicht den gewünschten Erfolg, tugendhafte und kirchentreue Erwachsene heranzubilden. Stattdessen brechen immer wieder kleine Exzesse hevor wie die Ermordung des Vogels des Pastors durch seine Tochter, die umso bedrohlicher wirken, da die Kinder ansonsten den für das Alter beängstigenden Anschein erwecken, den an sie gestellten Anforderungen zu entsprechen. Gleichzeitig reagieren sie mit für die Eltern unverständlichem Trotz auf die immer härter werdenden Bestrafungen – das zu oft eingesetzte Mittel der Züchtigung ist abgestumpft und hat eine Generation von Menschen hervorgebracht, die nur Gewalt als Problemlösungsmittel kennengelernt haben, selber jedoch immun sind dagegen.

Wo ich bei der auf der Hand liegenden Interpretation wäre, dass Das weiße Band die beiden Generationen beschreibt, die freudig für Deutschland in zwei Weltkriege zogen. Regisseur Haneke möchte dies in einem Interview auf der Blu-Ray gerne etwas allgemeiner sehen und stellt die gesellschaftlichen Mechanismen in den Vordergrund, doch schon der Untertitel „Eine deutsche Kindergeschichte“ zeigt, wie stark der Film mit Deutschland verbunden ist. Zu genau erinnert er den Zuschauer an die in den Köpfen eingebrannten Bilder von der damaligen Zeit, zu sehr hat Haneke mit seiner perfekten Ausstattung und dem kalten, klaren Schwarz-Weiß der Kamera eine Illusion erzeugt, die erst im Zusammenspiel mit der Geschichte einen Sinn ergibt.

Da er dabei erneut auf ein gutes Schauspieler-Ensemble zurückgreifen kann, hinterlässt Das weiße Band einen bleibenden, wenn auch erschreckenden Eindruck. Durch seine Fokussierung aller gesellschaftlichen Kräfte auf ein kleines Dorf ist der Film sicherlich ein wenig einseitig und wirkt gleichzeitig entrückt, so stark ist er in der dargestellten Zeit verwurzelt. Dennoch zeigt die Analyse, dass die wirkenden Kräfte relativ zeitlos sind und gewisse Erziehungsmethoden auch heute wieder in den Blickpunkt rücken. Die Aufmerksamkeit auf die Auseinandersetzung damit zu lenken ist die große Stärke des Films.

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