Ein Tag, fünf Filme

Feiertag. Ausschlafen. Und dann gar nicht mehr vom Sofa aufstehen. So habe ich es heute geschafft, fünf Filme am Stück zu sehen.

Angefangen habe ich mit drei Klassikern der Science-Fiction. Tron ist die visuell überraschend eigenständige Umsetzung, nein: Vorstellung von einem Computerspiel Anfang der Achtziger Jahre. Der endlich Oscar-prämierte Jeff Bridges springt mit den Babylon-5-Veteranen Bruce Boxleitner und Peter Jurasik durch eine Welt von vermenschlichten Programmen, um den von ihm selber geschriebenen Master Control Program den Stecker zu ziehen. Story und Action sind dabei Mittelmaß, aber der Film schafft es, durch Reduktion der Darstellung des Innenlebens eines Computers auf den Kontrast von wenigen, klaren hellen Linien und einfachen dunklen Flächen, eine ganz spezielle Optik zu erzeugen, die nachhallt. Dazu kommen die seltsam illuminierten Kostüme der menschlichen Programme, und fertig ist der Klassiker. Ich musste zudem feststellen, dass ich Tron als kleines Kind schon einmal gesehen habe, eine Szene kurz vor Schluss aber fälschlicherweise einem anderen Film zuschrieb. Allein diese Erinnerung endlich aufgeklärt zu haben, war mir wichtig.

Weiter ging es mit Alphaville, Godards Dystopie, die bereits 1965 auf der Berlinale den goldenen Bären gewann. Darin finden sich Elemente aus Orwells 1984 mit der Neusprech-Bibel, es werden Ängste vor Computern geschürt, die allerdings monoton langsam sprechende Kisten mit Bandlaufwerken sind, und es gibt vor allem einen zynischen Agenten, der rauchend und schießend durch die jeglicher Emotion beraubte Stadt Alphaville streift und trotz seiner Rotzigkeit die Denkmaschinen mit Logikpuzzlen außer Gefecht setzt und philosophische Statements postuliert. Ein aus heutiger Sicht sehr verworrener Film, dessen Utopie sich hauptsächlich über die Dialoge entwickelt, da Godard vollkommen ohne Special Effects in Paris gedreht hat. Strange!

Bodenständiger gibt sich dagegen Truffauts Bradbury-Verfilmung Fahrenheit 451, die von einer nahen Zukunft erzählt, in welchem der Staat alle Bücher verbrennt, damit seiner Bürger sich der emotionalen Auseinandersetzung mit fiktiven Problemen nicht stellen müssen und somit glücklicher sind. Das Verbrennen der wie Schätze gehüteten letzten Bücher hat ironischerweise die Feuerwehr übernommen. Der ganze Film lebt von diesen Gegensätzen wie den beiden Frauen, um die sich Hauptcharakter Guy Montag dreht: Die eine mit Kurzhaarschnitt, aber sehr emotionalem Auftreten, die andere mit langen Haaren dem Emotionen unterdrückenden Staat Untertan – beide von derselben Schauspieler dargestellt. Der Verlust der geschriebenen Sprache findet Ausdruck in Zeitungen, die aus Comics ohne Dialoge bestehen, und einem Filmvorspann, der nur Fernsehantennen zeigt und die an der Produktion Beteiligten von einem Ansager vortragen lässt. Zusammen mit dem unwirklichen, aber wunderbar literarischen Ende, welches eine Gruppe von Menschen zeigt, die jeweils ein Buch auswendig gelernt haben und damit zum Bewahrer von Literatur und Kunst geworden sind, hat sich dieser Film seinen Platz in der Ruhmeshalle des Science-Fiction redlich verdient.

Zu Asterix bei den Olympischen Spielen kann ich leider nur sagen, dass mich lange Kamerafahrten über beeindruckende Landschaften und am Computer entstandene Kulissen nur noch nerven. Generell ist der Film viel zu lang, das ewig in die Länge gezogene Ende mit den Sportstars ist so nützlich wie der Wurmfortsatz und die meisten Gags und Ideen zünden nicht. Da schaue ich mir lieber noch einmal die klassischen Zeichentrickverfilmungen der Comics aus den achtziger Jahren an, diese sind deutlich besser!

Der eigentliche Grund für diesen Beitrag ist jedoch Reconstruction, ein dänischer Film, der auf den Spuren von Lynch mit der Realität und dem Zuschauer spielt. Dieser weiß nämlich nicht, was wahr ist und was Fiktion (im Film immer eine spannende Frage), und so sieht er Aimee, die Frau des Schriftstellers August Holm, sich an mehreren Abenden hintereinander mit dem ihr unbekannten Alex in unterschiedlichen Bars treffen, und jedes Mal von vorne sich in eine Affäre stürzen. An den Tagen dazwischen passieren Alex plötzliche seltsame Dinge: Seine Wohnung ist verschwunden, seine Freundin Simone erkennt ihn nicht wieder (auch hier ist die doppelte Frauenrolle mit derselben Schauspielerin besetzt), sogar der Vater hat keine Erinnerung an den eigenen Sohn. Sein einziger Anker in der Realität ist Aimee; mit ihr werden Feuerzeuge, Ringe und Emotionen ausgetauscht, und am Ende lernt Alex Simone von neuem kennen und muss Aimee ziehen lassen.

All dies spielt sich vermutlich in dem Skript ab, an dem Erzähler und Autor August Holm arbeit, und das er seiner Frau widmet. So gibt es zwischendurch ein vielsagendes Interview mit ihm, in dem er die Herangehensweise von Frauen und Männern an Liebesgeschichten aus seiner Perspektive beschreibt, und auch ein, zwei Dialoge zwischen ihm und Aimee, in der er sich entschuldigt, dass er seine Gefühle für sie so schlecht ausdrücken kann. Also liegt die Vermutung nahe, dass er dafür das Medium eines Romans gewählt hat und der Zuschauer dessen Entwicklung im Kopf des Schriftstellers miterlebt.

Neben der teilweise surrealen Handlung ist es vor allem die Kamera, die den Film so sehenswert macht. Immer wieder werden die für den Film so wichtigen Bars und Hotels durch Satellitenaufnahmen mit weißen Punkten für die Aufenthaltsorte der Charaktere manifestiert; die durchgängig stark kontrastierten Bilder, meist Nachtaufnahmen, spielen mit Detailaufnahmen der Schauspieler aus allen erdenklichen Blickwinkeln, die das Spiel der Handlungsvariationen gut aufgreifen und auf einer weiteren Ebene die Idee des Ausprobierens unterstützen. Die titelgebende Rekonstruktion könnte dabei die Frage des Autors sein, was seine Frau in der vergangenen Nacht getan hat. Eine spannender Film ist dabei definitiv herausgekommen, den ich nur weiterempfehlen kann.

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