Berlins vergessene Mitte

Als Zugezogener hat es nicht lange gedauert, bis ich vor allem durch meine Arbeitsstelle direkt im ehemaligen Berliner Stadtzentrum ein Gefühl dafür bekam, welchen Wandel dieser Stadteil hinter sich hat. Vor allem der zweite Weltkrieg und die sozialistische Stadtplanung haben mit ihrem Kahlschlag Schulden angehäuft, an denen Berlin noch heute knabbert (und welche die Stadt vermutlich eher erhöht als abbaut). Als positives Beispiel kann dagegen das Nikolaiviertel angesehen werden, wo sich die Plattenbauten der DDR mit variablen Fassaden in die erhaltene Altbausubstanz eingliederten und ein Gefühl für die verloren gegangene Mitte ermöglichen.

Genau dort, im erst in den 80ern wieder erbauten Ephraim-Palais, präsentiert das Berliner Stadtmuseum schon seit Oktober die Fotoausstellung Berlins vergessene Mitte – Stadtkern 1840–2010. Diese will den Wandel der letzten 170 Jahren in den ehemaligen Innenstädten von Berlin und Cölln an Hand von überwiegend Architekturfotographien aufzeigen und bietet auf drei Etagen fast 400 Fotos; angereichert durch begleitende Texte und Ausstellungsstücke wie Zeichnungen, vergleichende Stadtpläne und sogar Videos. Das wohl älteste bewegte Bild stellen nur wenige Sekunden lange Luftaufnahmen von 1904 dar, aber auch der vom Pfarrer der Petrikirche aufgenommene Abriss des markantesten Kirchturms der Cöllner Altstadt lädt zum Verweilen und Sinnieren vor den Bildschirmen ein.

Passend zu der nach die Wiedervereinigung wieder aufbrandenden Diskussion um die Umgestaltung des alten Stadtzentrums, der bisher nicht viele Taten folgten, gibt es auch viele Dokumente zu besichtigen, die diesen Prozess in vergangenen Zeiten zeigen. Von Bauplänen, Skizzen, zeitgenössischen Zeitungsartikeln bis hin zu Briefen an den Stadtsenat reicht die Palette des Begleitmaterials. Generell hat die Ausstellung, ihrem Namen folgend, einen sehr kritischen Blick auf die Veränderungen, die Berlins Mitte in den letzten 170 Jahren unterworfen war. Dies äußert sich vor allem in den Texten zu den Bildern, weniger in der Auswahl der Fotos – obwohl schon die erste Aufnahme von 1840 den Turm des alten Berliner Rathauses zeigt, der damals weichen musste, weil der König mit seiner Kutsche angeeckt war. Es findet sich aber auch ein Bild aus nationalsozialistischen Zeiten, welches den Abriss des Krögels bejubelt. Die Bildunterschrift spricht vom Verlust des heimeligen Charmes des für das alte Berlin beispielhaften Viertels – die Wahrheit liegt wohl irgendwo dazwischen.

Beeindruckt haben mich in der Ausstellung besonders die vielen Panoramen, die ohne die heute üblichen Hilfsmittel erstellt wurden. Ein ganzer Raum wurde diesen Fotozusammenstellungen gewidmet und zeigt sehr schön, dass mit dieser Spezialform der Fotografie unterschiedlichste Wirkungen erzielt werden können. Da finden sich Aufnahmen, die die riesigen, nach dem Krieg entstandenen Freiflächen zwischen Spree und Bahnhof Alexanderplatz als große Leere offenbaren, und andere, welche die Enge der gedrängten Bebauung als Erbe der mittelalterlichen Altstädte eindrücklich näher bringen.

Nebenbei habe ich auch viel gelernt über meine Wahlheimat. Zum Beispiel, dass für den Bau der Stadtbahn der teilweise Wasser führende Festungsgraben zugeschüttet wurde und es in Berlin doch tatsächlich die erste im ÖPNV betriebene Magnetschwebebahn gab (bei Youtube gibt es natürlich ein Video von der M-Bahn; und hier ein paar Fotos u.a. vom Unfall kurz vor der Inbetriebnahme).

Bis zum 27.3.2011 besteht noch die Möglichkeit, diese ausgezeichnete Ausstellung zu besuchen. Ich kann sie jedem empfehlen, der nur das geringste Interesse an der Geschichte des Stadtteils hat oder sich für historische Fotoaufnahmen interessiert.

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