Hard-boiled Wonderland und das Ende der Welt

von Haruki Murakami,
erschienen im btb Verlag, ISBN 978-3-442-73627-0, 10€

Hard-boiled Wonderland und das Ende der Welt sind die Überschriften über den zwei Handlungen des Buches, die in sich abwechselnden Kapiteln vorangetrieben werden und anfangs scheinbar nichts miteinander zu tun haben – sogar die Schriftarten unterscheiden sich. Ersterer Part spielt in einem gegenwärtigen Tokio und wird aus der Perspektive eines sogenannten Kalkulators erzählt. Dessen Job ist es, im Auftrag der Regierungsorganisation „System“ wichtige Daten zu kodieren, um sie sicher transportieren zu können (das Buch wurde in einer Pre-Internet-Zeit geschrieben). Eines Tages muss er für einen Professor dessen Forschungsergebnisse verarbeiten und findet sich plötzlich in einem Datenkrieg zwischen dem „System“ und ihrem privaten Gegenpart „Fabrik“ wieder, die sich wiederum mit den unterirdischen Schwärzlingen verbündet haben.

Beim Ende der Welt handelt es sich dagegen um eine kleine Fantasiewelt, die vollkommen von einer unüberwindbaren Mauer umgeben ist. Der ebenfalls in der Ich-Form berichtende Erzähler musste bei seiner Ankunft seinen Schatten abgeben, und besitzt nun wie alle Bewohner innerhalb der Mauer keine Erinnerungen und keine Seele mehr. Seine Aufgabe in der Gemeinschaft besteht darin, in einer Bibliothek Gedanken aus den Köpfen toter Einhörner zu lesen, die das Ende der Welt bevölkern. Bei seinem Job verliebt er sich in die Bibliothekarin und fängt plötzlich an, die seltsame Welt zu hinterfragen, aus der es angeblich keine Flucht gibt, weil sie eben das Ende der Welt ist…

Manchmal gibt es schon seltsame Zufälle. So habe ich, während ich dieses Buch las, auch den Film Anderland gesehen, der eine ganz ähnliche Gesellschaft wie das Ende der Welt entwirft: Eine Gesellschaft ohne Trieb, ohne Emotionen, ohne Seele, ohne Licht und ohne Schatten – unendlich, unsterblich; die Welt geht nicht unter sondern ihr Ende währt immerfort. Für den Helden in Anderland ist so ein endloses, immergleiches Leben nicht lebenswert, und er rebelliert dagegen und will es verlassen. Der Erzähler im Buch dagegen ist sich unschlüssig. Er erkennt, dass ihm vieles in dieser Welt fehlt, doch er erkennt auch Vorteile für sich.

Denn wie der Leser im Hard-boiled Wonderland erfährt, hat er diese Welt immer schon in seinem Kopf mit sich herum getragen, für sich selbst geschaffen und seine Mauer und deren Grenzen selber erdacht. Nur eingesperrt hat er sich dort nicht, dafür ist die nicht minder fantastische, nur scheinbar reale Wirklichkeit verantwortlich. Dort fährt Murakami schwere Geschütze auf und schickt den Helden zusammen mit einem leicht fülligen, in rosa gekleideten Mädchen auf eine wilde Jagd durch Wasserfälle ohne Ton, Flure und Fahrstühle, die sich der physikalischen Ordnung entziehen, unterirdische Gänge mitten in Tokio, in denen gefährliche Wesen im Dunklen lauern, ein Professor in einem geheimen Labor Experimente mit dem Unterbewusstsein betreibt und plötzlich ein Einhornschädel auftaucht.

Dies ist zuviel für den Erzähler. Wie Homo Faber glaubt er an die Wissenschaft, an sein rationales Bild von der Welt, die viel zu aufregende und von einer Menge bekannter und unbekannter Gefahren bevölkerte Wirklichkeit ist nichts für ihn. Da sind dem Helden Fabelwesen lieber, auch wenn sie Seelen aufnehmen und im Winter verbrannt werden – solange alles seine Ordnung hat und den immergleichen Gang nimmt. Deshalb ist das Ende des Buches, in welchem er in seinem eigenen Kopf eingesperrt wird, für ihn ein Happy-End, während es auf mich trotz aller Nachvollziehbarkeit leicht deprimierend wirkte. Wenigstens erklärt sich so, warum Hard-boiled Wonderland in der Vergangenheitsform verfasst ist, während das Ende der Welt im Präsens erzählt wird.

Aber das Ende ist ebenso typisch Murakami wie viele andere Aspekte im Buch. So wird mehrmals ausführlich beschrieben, wie der Erzähler ausgiebige Mahlzeiten zubereitet und wie er Filme und Musik ebenso wie russische Litertaur zitiert. Im Gegensatz zu 1Q84 ist Hard-boiled Wonderland und das Ende der Welt aber auch ein sehr humorvolles Buch, was vor allem an der Perspektive der Hauptfigur liegt, die sehr ruhig auf all das auf sie einstürzende Chaos reagiert und immer wieder trocken kommentiert, warum sich jegliche Auflehnung nicht lohnt. Diese typisch japanische, auf Europäer manchmal seltsam wirkende Passivität ist jedoch ein wichtiges Puzzleteil für das Verständnis des Buches, und macht gepaart mit dem Humor und der fantasiereich konstruierten Doppelwelt den Hauptreiz an ihm aus.

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