Ellis Island

Wer ein Ticket für die Fähre zur Freiheitsstatue nach Liberty Island kauft, der hat auf dem Rückweg die Chance, auf Ellis Island Station zu machen. Die Insel im Hudson war von 1892 bis 1954 das zentrale Einwanderungszentrum der USA und ist seit 1990 ein Museum, in welchem diese spannende Phase der amerikanischen Geschichte dokumentiert wird. Insgesamt über 12 Millionen Einwanderer durchliefen hier verschiedene mit der Zeit verschärfte Kontrollen. Ein Drittel der heutigen Bevölkerung der Vereinigten Staaten geht auf Vorfahren zurück, für die das Durchlaufen der großen Halle des Hauptgebäudes von Ellis Island der erste Schritt in ein neues Leben wurde. Dieser Registrierraum ist deshalb neben der Freiheitsstatue zu dem Sinnbild für die Einwanderung geworden; allein die Referenzen bei den Simpsons sind unzählig ([1], [2], [3], …).

Nachdem das Hauptgebäude über dreißig Jahre lang dem Verfall preisgegeben war, wurde es bis 1990 aufwendig restauriert und mit Anbauten versehen, um Platz für ein Museum zu schaffen. Der erste Weg innerhalb des Museums führt meist direkt in den Registrierraum im ersten Geschoss, in welchem die Daten der Einwanderer aufgenommen wurden. Direkt dahinter wurden einige der Räume wiederhergestellt, in denen die Immigranten Tests auf Gesundheit, Vermögen bis hin zu Intelligenz absolvieren mussten – immer mit dem Damoklesschwert der Abweisung über ihnen hängend. Dass dennoch nur 2% aller Anwärter die Einwanderung versagt wurde liegt vermutlich daran, dass um in diese Halle zu kommen jeder Immigrant bereits eine Ozeanüberquerung finanziert und überstanden haben musste. Die Einwanderer waren also meist die qualifizierteren und vermögenderen Flüchtlinge bzw später die nachgeholten Familienmitglieder.

Anfangs wurden deshalb nur wenige Kontrollen durchgeführt, doch im Laufe der Zeit nahm die Bürokratie beängstigende Ausmaße an, die von den Informationstafeln im Museum durchaus kritisch eingeschätzt wird. Immer mehr Daten mussten die Beamten für jeden Einwanderer erheben, immer mehr Prüfungen wurden durchgeführt. Zusammen mit der bis 1907 stetig zunehmenden Anzahl an Immigranten führte dies zu einem kontinuierlichen Ausbau der Anlagen auf der Insel. In einem Ausstellungsraum ist mittels Modellen dieses Wachstum gut nachzuvollziehen – aus einer kleinen Armeestation wurde nach und nach eine richtige kleine Stadt mit einer vielfachen Landmasse.

Ein wichtiger Schwerpunkt des Museums ist die Vielfalt der einwandernden Menschen. Dazu gibt es Kinosäle, in denen Dokumentationen gezeigt werden, und Räume, die Fundstücke wie zeitgenössische Kleidung und weitere Kofferinhalte präsentieren. Besonders gut hat mir die Sammlung von Fotos der Immigranten und anderen Dokumenten gefallen, welche die Zeit die Haupteinreisewelle wieder aufleben lassen. Dabei wird deutlich, dass die USA schon damals mehr Salad Bowl als Melting Pot waren, da die Einwanderer sich meist den starken Gemeinschaften der eigenen Nationalität anschlossen, wovon New Yorker Viertel wie Kleindeutschland, Little Italy und Chinatown noch heute zeugen.

Sehr interessant fand ich die Hauptursache für den temporär starken Strom an Immigranten: Vor den 1890er Jahren gab es keine Dampfschiffe, die den Ozean befuhren. So dauerte eine Überfahrt von Europa per Segelschiff zwischen mehreren Wochen und vier Monaten, je nach vorherrschenden Windverhältnissen. Erst mit der Dampfschifffahrt und der damit möglichen fahrplanmäßigen Überquerung des Atlantiks in neun Tagen konnte ein Linienbetrieb aufgenommen werden, der es plötzlich einer breiteren Bevölkerungsgruppe in Europa ermöglichte, in die neue Welt zu reisen. Da zudem die Arbeitsbedingungen in der alten Welt aufgrund der Industralisierung nicht rosig waren, kam es zu der historischen Einwanderungswelle. Dieser technische Hintergrund wird über Schiffsmodelle, Originalfahrpläne und andere historische Dokumente in einer eigenen Ausstellung vermittelt.

Abseits des Hauptgebäudes gibt es noch viele für das Museum nicht erschlossene Teile der Insel. Direkt daneben stehen in einem kleinen Park zwei den Einwanderern gewidmete Statuen und die kreisrunde Wall of Honor, in welcher mehr als 700000 Namen von Einwanderen eingraviert sind. Typisch für Amerika ist die Auswahl der Namen: Die Nachkommen konnten sich die Erwähnung ihrer Ahnen erkaufen, indem sie mindestens 150$ der Statue of Liberty-Ellis Island Foundation spendeten, die das Museum und die Fährverbindung betreibt. So dankbar ich den Spendern dafür bin, dass sie dieses tolle Museum ermöglicht haben, so finde ich es doch bedenklich, dass nur an Immigranten erinnert wird, deren Nachkommen sich ihre Erwähnung leisten konnten.

Von dem Park aus hatte ich auch einen schönen Blick auf die Westseite von Manhattan, da Ellis Island direkt vor der Küste von Jersey City liegt. Leider war die knappe Stunde, die mir für die Besichtigung von Museum und Insel blieb, definitiv zu wenig. Aber bereits dieser kurze Aufenthalt hat mich stark beeindruckt und ich kann einen Besuch der Insel nur wärmstens weiterempfehlen.

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