1Q84 Buch 3

von Haruki Murakami,
erschienen bei Dumont, ISBN 978-3-832-19588-5, 24,00€

Mein Jahr 2011 begann mit 1Q84 von Haruki Murakami, und nun endet es mit 1Q84 – dem dritten Buch. Wie schon in meiner Besprechung der ersten beiden Teile (in Deutschland in einem Band erschienen) erwähnt, war deren Handlung noch nicht abgeschlossen, und so war ich gespannt, wie es mit Aomane und Tengo weitergeht und ob meine Interpretationen des Gelesenen korrekt waren.

Buch 3 beginnt dort, wo der zweite Teil aufhörte: Aomane, die den Anführer der mit den Little People redenden Sekte getötet hat, wartet in ihrer als Zuflucht dienenden Wohnung darauf, dass Tengo auf den Spielplatz zurückkehrt, wo er den zweiten Mond entdeckt hat. Doch Tengo hat am Bett seines Vaters gesehen, wie eine kleine Aomane in einer Puppe aus Luft gewoben wurde, und besucht den im Koma liegenden Vater deshalb täglich im Pflegeheim in der Hoffnung auf eine Wiederholung dieses Wunders. Währenddessen hat der von der Sekte beauftragte Privatdetektiv Ushikawa die Verbindung zwischen Tengo und Aomane aufgedeckt und damit nicht nur die beiden, sondern auch sich selbst in große Gefahr gebracht…

Folgten die ersten beiden Teile von 1Q84 noch der strengen Vorgabe sich einander abwechselnder Tengo- und Aomane-Kapitel, so erweitert Murakami dieses Muster im dritten Buch um einen dritten Hauptcharakter mit eigenen Abschnitten – Ushikawa. Dieser recherchiert im Auftrag der Sekte sicherlich das halbe Buch lang in mühsamer Kleinarbeit die Handlung der ersten beiden Bücher. Ob der bis dahin nur als Nebenfigur auftretende Ushikawa in seinem Status erhöht wurde, um Einsteigern eine Einführung in das bisherige Geschehen zu geben, weiß ich nicht. Der Effekt für Leser von Buch 1 & 2 ist jedoch, dass diese sich langweilen, da sie die Handlung schon kennen und darauf warten, dass sie fortgeschrieben wird anstatt noch einmal neu aufgekocht zu werden.

Ich persönlich bin außerdem kein Fan der festen Kapiteleinteilung. Die Kapitel sind nur innerhalb ihres eigenen Erzählstranges zeitlich fortlaufend; dem gegenüber kann sich die Zeit ändern wenn die handelnde Person wechselt. Und das macht das Nachvollziehen der Handlung unnötig kompliziert. Bis zum Ende von Buch 2 war dies kein Problem sondern sogar eine Stärke von 1Q84, da sich die Handlungsstränge nie kreuzten und so viel Raum für eigene Interpretationen blieb. In Buch 3 dagegen gibt es immer wieder Überschneidungen, vor allem auf dem Spielplatz, ohne das klar ist, welcher der wiederkehrenden Besuche von Tengo und Ushikawa durch Aomane beobachtet wird. Da diese Ungewissheit jedoch wenig Einfluss auf das Verständnis der Handlung hat, sondern sie mit ihrem wiederholenden Charakter nur unnötig aufbläht, bekamm ich beim Lesen das Gefühl, dass die zeitlichen Sprünge eine schlecht kaschierte Nebenwirkung der festen Kapiteleinteilung sind.

Sei es drum, später sorgt Ushikawa schließlich ungewollt dafür, dass die Verbindung zwischen Aomane und Tengo hergestellt wird und hat sich so seine Daseinsberechtigung innerhalb des Buches verdient – inklusive einem unrühmlichen Abgang. Generell werden viele Handlungsfäden in 1Q84 Buch 3 abgeschnitten, indem die damit verbundenen Figuren verschwinden: Tengos Vater stirbt, Fukaeri verschwindet, der Verleger wird entführt und die alte Dame zieht sich komplett in den Hintergrund zurück. So werden alle Seile gekappt, die Aomane und Tengo noch in der Welt von 1Q84 halten, und ihr Abschied daraus forciert. Denn Murakami gönnt seinen beiden Hauptcharakteren tatsächlich so etwas wie ein Happy-End, wenngleich ein großes Fragezeichen stehen bleibt und die Tür für weitere Fortsetzungen offen steht.

1Q84 bleibt auch in Band 3 ein Buch, das mit interessanten Plotelementen zu überraschen weiß. So wird Aomane schwanger, ohne Sex gehabt zu haben, und Tengo macht übersinnliche Erfahrungen mit einer Eule aus dem Wald. Alle Hauptcharaktere bekommen Besuch von einem NHK-Gebühreneintreiber (vermutlich der umherwandernde Geist von Tengos Vater), der lautstark an die Türen klopft und die Menschen aus ihren Verstecken treiben will. Alles in diesem Buch arbeitet also darauf hin, dass sich Aomane und Tengo endlich wiedersehen, und so sollte es nicht verwundern, dass dies am Ende tatsächlich passiert.

Viele Fragen bleiben darüber hinaus aber unbeantwortet. Warum gibt es überhaupt Mothers und Daughters, wofür veranstalten die Little People den ganzen Aufwand? Treten die Aomane, die Tengo bei seinem Vater in einer Puppe aus Luft gesehen hat, und die aus der Puppe nach Ushikawas Tod entstandene Person an die Stellen von Tengo und Aomane, die die Welt von 1Q84 verlassen haben? So wie Fukaeri vermutlich nur eine Daughter ist, die erzeugt wurde, um den Samen von Tengo zu transportieren? Aber was war das Ziel all dieser Mühen? Ein manipuliertes Kind in eine andere Welt zu schicken – eine Welt mit einem nach links schauenden Esso-Löwen?

Vermutlich ist trotz der offenen Fragen und verwaisten Plotenden die Geschichte um 1Q84, die mit dem Betreten dieser Welt begann, mit dem Verlassen derselben abgeschlossen. Dabei wurde mir erst mit diesem dritten Band bewusst, dass sowohl Tengo als auch Aomane in geistiger Verbundenheit Namen für die Parallelwelt mit den zwei Monden vergeben haben, die gut ihre konsequente Charakterzeichnung zeigen: Aomane, eine rational denkende junge Frau, wählt ein Wort/Zahlenspiel (1Q84), um den subtilen Änderungen an der ihr bekannten Welt einen Namen zu geben, während der Schriftsteller Tengo eine Analogie in einem Buch gefunden hat (Die Stadt der Katzen).

Fazit: Einige aus meiner Sicht schlechte Entscheidungen in Sachen Buch- und Handlungsstruktur führen leider dazu, dass ich enttäuscht bin vom dritten 1Q84-Band. Klar hat das Buch noch immer viele fantastische und überraschende Elemente zu bieten, die es aus der Masse der Literatur herausheben, aber von Murakami darf man mehr erwarten als ein Buch voller Wiederholungen.

P.S.: Seit wann wird eine Rutsche eigentlich als Rutschbahn bezeichnet? Ich habe das Gefühl, dass sich gerade viele Bahnen in die deutsche Sprache einschleichen. Vor meiner Arbeitsstelle wird vor Gehbahnschäden gewarnt – nicht Gehweg oder Gehsteig, sondern Gehbahn. Was zum Teufel ist daran eine Bahn???

Kommentare

  1. Bommel

    Also ich kenn das schon immer als Rutschbahn. Wird vielleicht heute im Zuge des Abkürzungswahns nicht mehr so häufig benutzt, war aber zumindest in meiner Jugend ein durchaus gängiger Begriff.

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