Csak a szél

Berlinale-Filmdatenblatt

Und wieder hat die Berlinale eine neue Spielstätte ihrer opulenten Liste vom Filmtheatern hinzugefügt: Das Haus der Berliner Festspiele. Der fast 1000 Besucher fassende Saal soll sicherlich dazu beitragen, erneut einen Besucherrekord zu vermelden, doch zu einem guten Kino macht das Haus diese Eigenschaft noch lange nicht. Zu schmal ist der Platz zwischen den Sitzreihen, zu eng sind die Klappsessel und zu steil der Blickwinkel hoch auf die konkave Leinwand.

Mehr überzeugen als der Vorführort konnte dagegen der Film, der mit dem Silbernen Bären für den großen Preis der Jury ausgezeichnet wurde. Dieser zeigt den letzten Tag einer ungarischen Roma-Familie, bevor diese brutal ermordert wird, und basiert auf einer realen Mordserie aus den Jahren 2008/2009. Durch eine Handkamera, die immer dicht an den Akteuren ist, folgt der Zuschauer einem fast normalen Tagesablauf der Familie: Die Mutter geht ihren zwei Jobs nach, die Tochter besucht die Schule und der Sohn streunt an dem schönen Sommertag in der Gegend herum.

Doch auch ohne zu wissen, dass dies die letzten Stunden der Familie sind, legt sich bald ein Schatten über die Handlung. Da sind nicht nur die ständigen Diskriminierungen, mit denen die Ungarn den Roma ihre Verachtung ihnen gegenüber zeigen, sondern auch die düstere Vorahnung, dass hier irgendwas passiert ist, das die Menschen belastet. Nach und nach erfährt der Zuschauer, dass in der Nacht zuvor die Nachbarn der Familie mit Jagdgewehren ermordert wurden. Die anderen Roma sind daraufhin verunsichert und misstrauisch gegenüber jedem Auto, das in der Nähe ihrer abgeschieden in den Wäldern liegenden Behausungen auftaucht, und die Polizei ist nur halbherzig bei der Suche nach den Tätern, da sie mit ihnen sympathisiert.

In der beobachteten Familie äußert sich diese Stimmung unterschiedlich. Die Tochter geht wie betäubt durch den Schultag. Auch das Gespräch per Videochat mit dem Vater, der in Kanada arbeitet, kann ihr die Angst nicht nehmen, und so sucht sie Ablenkung beim Spiel mit der kleinen Nichte. Ihr Bruder geht offensiver mit der Bedrohung um und will die Familie an Vaters Statt zu beschützen. Dazu schwänzt er die Schule, besichtigt das Haus der toten Nachbarn und rüstet ein Versteck tief im Wald ein, damit sich dort alle verstecken können.

Die Mutter dagegen hat gar keine Zeit, sich mit diesen Problemen zu beschäftigen. In aller Frühe musste sie aus dem Haus, um ihre zwei Hilfsarbeiterjobs zu erledigen, die hauptsächlich von Zigeunern ausgefüllt werden: Müll einsammeln an der Autobahn und Putzen in der Schule. Dabei trifft sie sowohl auf Unterstützung durch die Vorarbeiterin, die ihr Kleidung zweiter Hand für die Kinder zukommen lässt, als auch auf Verachtung, wie durch den Hausmeister der Schule, dem sie jedoch mit viel Stolz gegenübertritt und dessen Gemeinheiten sie sich nicht gefallen lässt.

Durch die ausführlichen Szenen, die fast ohne Dialog auskommen, zeichnet Just The Wind ein detailliertes Bild des schwierigen Lebens der Roma in Ungarn, das durch den allgegenwärtigen Fremdenhass ihnen gegenüber und auch Problemen innerhalb der eigenen kleinen Gesellschaft geprägt ist. Die extrem nahe Kamera, die den Zuschauer in die Perspektive der Roma versetzt, bricht dieses gesellschaftliche Problem auf einzelne Charaktere herunter, holt den von den Institutionen gestützten Fremdenhass aus der Anonymität.

Dabei wird dem warmen Sommertag als Kulisse sehr viel Raum gelassen; er bestimmt den fließenden Rhythmus des Films. Das Leben der Roma ist noch sehr naturalistisch und dies findet sich auch bei der auf Musik verzichtenden Soundebene wieder, die zu der bedrohlichen Stimmung einen interessanten Kontrast bildet. Dieser tritt umso deutlicher zu Tage, als die Nacht hereinbricht und die nächsten Morde geschehen. Das macht Just The Wind zu einem eindringlichen Film, der allerdings etwas Geduld erfordert, bevor er sich in seiner Intensität dem Zuschauer öffnet.

(Die Postproduktion des Films erfolgte übrigens im halleschen Ableger der Post Republic)

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