J. Edgar

USA (2011)
Regie: Clint Eastwood
Darsteller: Leonardo DiCaprio (J. Edgar Hoover), Armie Hammer (Clyde Tolson), Naomi Watts (Helen Gandy), Judi Dench (Hoovers Mutter), Jeffrey Donovan (Robert Kennedy), Josh Lucas (Charles Lindbergh), Geoff Pierson (Generalbundesanwalt Mitchell Palmer), Christopher Shyer (Richard Nixon) und andere US-Präsidenten

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Als John Edgar Hoover 1972 stirbt, hinterlässt er ein beeindruckendes Lebenswerk. Seit der Gründung 1924 stand er dem FBI als Direktor vor und hat mit seinem Engagement die Bundespolizei von einer kleinen Behörde zu einer der einflussreichsten Institutionen der USA gemacht. Doch wie hat es der Mann geschafft, fast 50 Jahre lang und unter acht Präsidenten im Amt zu bleiben und dabei Macht und Einfluss immer weiter zu steigern?

Dieser Frage geht Clint Eastwood nach, indem er exemplarisch Episoden aus J.Edgars Leben herauspickt, die dieser in einem fiktiven Handlungsrahmen Ghostwritern aus seiner Behörde diktiert, damit seine Autobiografie als Leitbild für künftige FBI-Mitarbeiter dient. Die meisten dieser Pseudo-Erinnerungen sollen dabei seine Motivation verdeutlichen und behandeln so für Hoover emotionale Ereignisse. Das Drehbuch unterstellt dabei, dass Hoover einiges in seinem Leben verdrängt hat, denn es gibt verschwimmende Erinnerungen und Situationen, an die er sich auf Nachfragen angeblich nicht mehr vollständig erinnern kann. Mit diesem Trick der gefilterten Perspektive umgeht der Film manches eindeutige Statement, kann er sich doch auf keine offizielle Biographie berufen, deutet aber durch die Auswahl der Episoden vieles an, was als gesichert gilt (die Erpressung mit Geheimakten, die verkappte Homosexualität).

Den roten Faden bilden dabei die wichtigen Meilensteine beim Aufbau des FBI. Von Anfang an entwickelte Hoover mit seinem paranoiden Weltbild einen Überwachungsapparat, doch vor allem die Einführung der Forensik brachte ihm Erfolge bei der Kriminalitätsbekämpfung und erlaubte ihm den konsequenten Ausbau der Zuständigkeiten der Behörde. Wenn ein Präsident einmal nicht so wollte wie J.Edgar, dann gab es meist belastendes Material in Hoovers Privatakten, die seine Sekretärin Helen Gandy persönlich führte.

Diese spielte eine interessante Rolle in der Darstellung des offenen Geheimnisses, dass Hoover homosexuell war, ohne es sich einzugestehen. Versucht er anfangs, einem normalen Rollenbild zu entsprechen und Helen als Frau an seiner Seite zu gewinnen, ist nach deren Abfuhr sein restliches Leben geprägt von privaten Momenten mit seinem Stellvertreter Clyde Tolson, mit dem er bis an sein Lebensende zusammenwohnte. Warum Helen ihn aber abwies und dann trotzdem eine enge Vertraute wurde und ihn ein Leben lang unterstützte, dies bleibt unklar. Dafür versucht der Film die menschlichen Probleme Hoovers (Paranoia, Verschlossenheit) aus der Beziehung zu der dominanten Mutter herzuleiten, die selbst nach ihrem Tod weiterhin maßgeblich J.Edgars Entscheidungen beeinflusste.

Leonardo DiCaprio gelingt es souverän, diesen schwierigen Charakter auf der Leinwand auszufüllen. Leider kann die Maske nicht ganz mithalten in ihrer Aufgabe, den Alterungsprozess von J.Edgar und seinen Begleitern über fünfzig Jahre hinweg glaubwürdig abzubilden. Gerade den älteren Gesichtern fehlt es an Bewegung, so dass sie sofort als künstliche Masken erkennbar sind. Dies wird zudem durch die Kamera betont, die mit starken Kontrasten arbeitet, um auf die vielen Licht- und Schattenseiten des Charakters hinzuweisen.

Fazit: J. Edgar ist leider nicht der starke Film geworden, den ich nach Clint Eastwoods letzten Regiearbeiten erwartet habe. Dies liegt weniger an der Perspektive, aus der das Leben Hoovers betrachtet wird, sondern dass die Episodenstruktur des Drehbuchs keinen rechten Erzählfluss aufkommen lässt. Zu fragmentiert sind die Erinnerungen, zu viele Details werden angerissen – das ist letztlich zu viel für den ambitionierten Film.

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