Computer chess

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Es gab eine Zeit, als Computerprogramme noch nicht unser Leben bestimmten. Als noch nicht jeder Mensch eine kleine Rechenmaschine in der Tasche trug, die vernetzt mit allen anderen Rechnern dieser Welt unser Leben managt und bestimmt.

Computer chess berichtet von der Zeit, als wir diese Kontrolle über unser Leben verloren. Auf dem Schachsoftwarekongress anfang der 80er, wo sich die Handlung abspielt, war ein Computer noch große, schwere Hardware, die über eine Tastatur und Textkonsolen mit dem Anwender kommunizierte. Doch der Anfang für die folgende Dominanz war geschaffen: In abgeschlossenen Boxen werkelte Software nach nicht immer nachvollziehbaren Regeln auf mikroskopisch kleinen Siliziumhalbleitern.

Die Teilnehmer des Kongresses sind dabei als Dompteure ihrer Schachprogramme noch in der privilegierten Position, den ablaufenden Code selber geschrieben zu haben und so das Verhalten der Blackboxen zumindest nachvollziehen zu können. Doch einige von ihnen sind bereits zu bloßen Schnittstellen degeneriert, die wie Sinnesorgane dem Computer erlauben, seine Umwelt wahrzunehmen.

So wie Peter Bishop, der als Assistent von Dr. Beuscher auftritt, der mit seiner Software den Vorjahreskongress gewonnen hat. Doch dieses Jahr will das weiterentwickelte Schachprogramm einfach keine vernünftigen Züge berechnen, während sein Schöpfer mit Abwesenheit glänzt, so dass Bishop Theorien entwickelt, was wohl gerade schief läuft. Beeinflusst wird er dabei nicht nur vom einzigen weiblichen Teilnehmer des Kongresses, sondern auch von der Software des sonderlichen Michael Papageorge, der mit seinem auf Emotionen basierenden Programm das Feld von hinten aufrollt.

Zudem findet parallel in der Hotelanlage ein esoterischer Kurs von Paaren auf Selbstfindungskurs statt. Und eines der Pärchen hat auf der Suche nach Abwechslung in ihrer Beziehung ausgerechnet Bishop dazu auserkoren, ihrem Sexleben neuen Schwung zu verleihen – ein Ansinnen, das den jungen Assistenten nur noch mehr in Verwirrung stürzt…

Autor und Regisseur Andrew Bujalski, der Vorreiter des Mumblecore, bleibt mit Computer chess seinem Genre treu. Mit geringstem Budget und fast ausschließlich in einer Hotelanlage gedreht, lebt der Film von seinen Dialogen, die zwischen Humor und nerdigem Detailreichtum vor allem eines schaffen – den Anfang der 80er Jahre auf der Leinwand erneut zum Leben zu erwecken.

Da reiht sich neben den Kostümen und Frisuren auch die Kamera mit ein. Während in selbstreferentieller Manier ein Kameramann den Schachsoftwarekongress mit seiner Videokamera festhält (und gleich am Anfang dafür gescholten wird, die Kamera in die Sonne zu halten – daraufhin folgt nur noch eine einzige Außenszene), ist der ganze Film selber mit solchen Kameras in schwarz-weißem 4:3 gedreht und hat mit allen Problemen dieser Wahl zu kämpfen: Unschärfen aufgrund des prähistorischen Autofokus, fehlende Details und künstliche Artefakte wie Staub auf der Linse machen in kürzester Zeit aus dem Effekt, sich 30 Jahre zurückversetzt zu fühlen, ein Ärgernis für die Augen (die offizielle Homepage gibt einen guten Einblick in die „Qualität“ der Aufnahmen).

Trotz vieler interessanter Ansätze (u.a. die Running Gags um die Katzenplage und die andauernde Zimmersuche von Papageorge) dümpelt Computer chess schließlich unentschlossen und ohne richtigen Handlungsfaden vor sich hin, so dass ich hin- und hergerissen bin: Eine grauenvolle Kamera trifft auf eine detailverliebte Homage an die ersten Programmierer von Schachsoftware; am Ende war ich jedoch froh, den Film hinter mich gebracht zu haben!

Andrew Bujalski, Autor und Regisseur von Computer chess

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