The Girl from the Other Side

gelesen
Published

21.02.2025 21:44

von Nagabe

Es ist eine düstere Welt, die der japanische Künstler Nagabe in seiner Graphic Novel The Girl from the Other Side präsentiert: Die Menschheit ist von einer Krankheit befallen, die durch Berührung übertragen wird. Nach Ansteckung wird die Haut der Menschen schwarz, und sie werden zu den sogenannten Outsidern. Deshalb haben die Menschen eine Mauer errichtet, um sich von den Outsidern zu schützen; und König und Kirche sind auf der Suche nach einem Ausweg.

Eine zentrale Rolle spielt dabei ein kleines Mädchen, das außerhalb der Mauer bei einem der Outsider lebt und sich scheinbar nicht ansteckt. Doch das weckt nicht nur das Interesse der Menschen im Inneren, sondern auch der anderen Outsider.

Was auf den ersten Blick wie eine Parabel auf die Corona-Pandemie klingt ist jedoch etwas älter: Nagabe hat sein Werk zwischen 2015 und 2021 in einem Mangamagazin veröffentlicht; inzwischen gibt es die 53 Kapitel aufgeteilt auf 11 Bände zu kaufen.

Der schiere Umfang von über 1700 Seiten steht dabei in starkem Kontrast zu der überschaubaren Handlung. Nagabe nimmt sich viel Zeit, seine anfangs an das europäische Mittelalter erinnernde Welt und vor allem die beiden Hauptcharaktere aufzubauen, und deckt erst im letzten Drittel die wahren Hintergründe auf, um dann in den abschließenden zwei Kapiteln die Auflösung zu reflektieren.

Und doch hat es nur ein paar Seiten gebraucht, bis mich die seltsame Welt des Inside/Outside gefangen genommen hat. Der Grund dafür ist der sehr spezielle Zeichenstil von Nagabe, der passend zu der Handlung von seinen starken Kontrasten lebt. Alle Panels sind in schwarz-weiß gehalten - und zwar ausschließlich. Es gibt keine Abstufungen des Schwarz, sondern nur Schraffuren. Oft sind die Hintergründe dunkel gehalten und die Konturen weiß ausgelassen, was mich an den Holzstich erinnert hat.

Auch die beiden Hauptfiguren zeigen diesen Kontrast. Das Mädchen Shiva hat eine helle Hautfarbe, blondes Haar und ein weißes Kleid. Teacher dagegen hat wie alle Outsiders eine schwarze Hautfarbe und trägt dazu einen schwarzen Frack. Als Vertreter für Mutter Erde (hier im Sinne von Erdboden) und Gott des Lichtes führen sie so im Art Style den Symbolismus der Handlung fort.

Weiter oben habe ich bereits das bedächtige Tempo der Story erwähnt. Nagabe verwendet ein sehr filmisches und expressionistisches Erzählen; von Close-Ups bis zu Totalen ist alles vorhanden. Dabei gibt es nie Bewegungen innerhalb eines Panels. Diese sind statisch wie Fotos und nur durch Veränderung über mehrere Panels hinweg werden Zooms realisiert und Geschwindigkeit vermittelt. Auch gibt es vergleichsweise wenig Text zu lesen.

Das alles lebt und atmet eine einzigartige Atmosphäre, die kontinuierlich neue Fragen aufwirft und mich bis zum Ende gefesselt hat. Gleichwohl gibt es auch ein paar Schattenseiten des Stils: Durch die extremen Kontraste fehlt es den Panels an Tiefe, und manchmal war einfach nicht zu erkennen, welche Körperteile eines Outsiders nun abgebildet sind. Ebenso ungewohnt war für mich, dass die Sprechblasen nicht immer den Sprechern zugeordnet sind.

Und ganz ehrlich: Das Ende bzw. die Auflösung fand ich enttäuschend. Auf gewisse Art und Weise war es konsequent in seiner Kritik an der einfachen Lösung, aber gleichzeitig auch deprimierend.

Das ändert aber nichts daran, dass Nagabe hier ein in vielerlei Hinsicht großes, singuläres Werk geschaffen hat, dass ich jedem Comic-Begeisterten nur wärmstens ans Herz legen kann.