Ambitioniert scheitern

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Published

08.03.2025 09:44

Es gibt Serien, da frage ich mich am Ende, warum ich meine Lebenszeit mit ihnen verschwendet habe (ich schaue in Deine Richtung, The Gentlemen). Und dann gibt es Serien, bei denen Ansatz und Anspruch stimmen, auch wenn das Gesamtwerk am Ende scheitert. Zwei Exemplare dieser Gattung will ich heute kurz besprechen.

Rematch

Der Kampf Mensch gegen Maschine ist schon lange ein beliebtes Topos in Literatur und Medien. Was könnte also spannender sein als der Moment, als zum ersten Mal der weltbeste Schachspieler von einer KI in einer Serie von Matches bezwungen wurde (kurz und prägnant beschrieben von Benjamin Labatut)?

Einiges, müssen sich wohl die Macher der Serie Rematch gedacht haben. Anders kann ich mir nicht erklären, dass sich die Serie zwar rund um das Event der sechs Matches zwischen Garry Kasparov und dem IBM Supercomputer Deep Blue dreht, aber alle Hauptfiguren so mit Konflikten vollgestopft werden, dass sie komplett unsympathisch erscheinen.

Das fängt mit Kasparov an, der in seiner Jugend als von der sowjetischen Führung ungeliebter Weltmeister eine Paranoia entwickelt hat und fleißig pflegt. Er vertraut nur seiner mit ihm reisenden Mutter, doch als diese Verantwortung an den Sportmanager Roger Laver abgeben möchte und den Besuch in den USA dazu nutzt, Kasparovs Ex-Frau und Tochter zu kontaktieren, muss dieser sein Leben neu sortieren.

Auf der Gegenseite am Schachbrett stehen der Programmierer P.C. und der ehemalige Schachmeister Paul Nelson, die Deep Blue seit dem verlorenen Match ein Jahr zuvor massiv verbessert haben. Für ihre Chefin bei IBM Helen Brock hängt die eigene Karriere von einem Sieg ab, denn CEO George Silverman macht ordentlich Druck, um den Aktienkurs zu steigern.

Bei all den Konflikten bleibt kaum Platz für eine tiefere Auseinandersetzung mit dem Schachspiel oder der Technik hinter Deep Blue. Dabei ist vieles von dem Drama einfach überflüssig und künstlich aufgebauscht. Die IBM-Managerin Helen Brock hat es nie gegeben, Kasparovs buntes Liebesleben war 1997 kein Thema und sein Manager war zwar Tennisspieler, aber nicht der große Rod Laver. Dafür hatte er es drauf, Schach zu vermarkten, und war nicht so inkompetent wie Laver in der Serie.

Ganz schwach ist die Darstellung der Menschen hinter Deep Blue. Der Original-P.C., Feng-hsiung Hsu, hat viele Grundlagen für Schachcomputer geschaffen und hatte dementsprechend mehr Schachwissen, als die Serie zeigt. Und auch wenn Deep Blue trainiert wurde, Kasparov zu schlagen, so saß dahinter doch kein Team aus Schachmeistern, die ihm die Strategien für jedes Match vorgaben. Den Hahn schießt Rematch ab, als P.C. im Code von Deep Blue einen Netzwerkstack findet und allen Ernstes glaubt, dass der Computer sich selber zu einer echten Intelligenz weiterentwickelt hat.

Ich weiß ehrlich gesagt nicht, wie man ein so spannendes Thema so schlecht umsetzen kann. Sieben Jahre Entwicklungszeit und ein Script Doctor haben Spuren hinterlassen, die dem Thema leider an keiner Stelle gerecht werden.

The Playlist

Die von Netflix für den schwedischen Markt produzierte Serie erzählt von der Gründung und dem Aufstieg des Unternehmens Spotify. Im Gegensatz zu klassischen CEO-Biografien im Stile von Jobs/Steve Jobs wählt The Playlist einen multiperspektivischen Ansatz und erzählt seine sechs Episoden aus sechs verschiedenen Blickwinkeln. Neben den Firmengründern Daniel Ek und Martin Lorentzon kommen Andreas Ehn (der erste CTO), Petra Hansson (Chef-Juristin von Spotify), Per Sundin (Manager aus der Musikindustrie) und die fiktive Sängerin Bobbi T zu Wort.

Da sich die Perspektiven der einzelnen Hauptdarsteller teilweise stark unterscheiden, führt diese Herangehensweise zu einem erstaunlich vielschichtigen Bild, das auch vor Kritik und einem hoffnungsvollen Blick in die Zukunft nicht scheut.

Die einzelnen Episoden setzen verschiedene künstlerische Schwerpunkte. Arbeitet sich die Serie mit der ersten Episode “The vision” noch musikalisch beschwingt am Startup-Mythos eines kleinen idealistischen Kollektivs im Kampf gegen die große Musikindustrie ab, bekommt die Fassade erste Risse, als der Musikmanager Per Sundin den Zuschauer direkt anspricht: “So war das gar nicht”.

Denn Sharingseiten wie The Pirate Bay führen zu starken Verlusten der Musikindustrie, und Per muss nicht nur Mitarbeiter entlassen, sondern gleichzeitig mit den großen Bossen in Amerika um Perspektiven für die Zukunft ringen.

Doch nicht nur der Tonfall wechselt zur zweiten Episode, auch schauspielerisch und auf Dialogebene kann sie leider das Niveau nicht halten. Und dieses Auf und Ab zieht sich durch die gesamte Serie: Gizem Erdogan als Petra Hansson ist leider eine Fehlbesetzung, auch wenn ihre Episode durch die Idee mit dem Flur, der alle Handlungsorte verbindet, und dem Gegensatz der holzvertäfelten Räume der Kanzleiwelt zu dem offenen Kellerbüro des Startups einige schöne Bilder aufweisen kann.

Zum Chefentwickler Andreas Ehn weiß die Serie nicht mehr als Klischees anzuhäufen, und der Wechsel von monochrom zu farbig hat sich mir nicht erschlossen. Umso ärgerlicher ist es, dass beim extrovertierten Martin Lorentzon Neurodiversität positiv thematisiert wird, während es beim introvertierten Ehn nicht einmal angesprochen wird.

Versöhnt hat mich dann die letzte Episode, welche die Auswirkungen des Spotify-Modells auf die Künstler zeigt und sogar einen Ausweg aus der Misere anbietet. Damit ist The Playlist nicht ganz so eine Bruchlandung wie Rematch, auch wenn das Niveau wechselhaft ist.

P.S.: In welcher Welt ist es eigentlich normal, dass auf die Aufforderung Komm’ mit, ich muss Dir was zeigen! nie jemand zurückfragt, was es denn zu sehen gibt, und einfach alles stehen und liegen gelassen wird?