Indiana Jones und der große Kreis

gespielt
Published

22.01.2026 23:44

Gleich vorneweg: Indiana Jones und der große Kreis hat etwas geschafft, das ich nicht für möglich hielt - es hat The Fate of Atlantis in meiner Gunst den Rang abgelaufen. Und das tut es nicht aufgrund seines Gameplays (dazu gleich mehr), sondern weil es die Atmosphäre und Drehbücher der Indiana-Jones-Filme perfekt als Spiel adaptiert und dabei von über 30 Jahren Grafik-Engines-Entwicklung profitiert.

Denn die Grafik ist das Highlight des Spiels. Ob Vatikanstadt, Ägypten, Himalaya oder Thailand - die Level wirken authentisch und sehen teilweise fotorealistisch aus. Ich habe aber schnell die Helligkeit nach oben gedreht, da das Bild sonst in den vielen Innenbereichen, die man erkundet, deutlich zu dunkel ist. Weiterhin ist das Modell von Indy auffallend gut getroffen; es wurde scheinbar in die Imitation der Mimik und Gestik von Harrison Ford viel Zeit und Energie gesteckt.

Dieselbe Sorgfalt und Liebe kam auch bei den Levels zum Einsatz. Ich habe mir den Vatikan bei Google Earth etwas genauer angesehen und bin begeistert, mit welcher Genauigkeit der Originalschauplatz nachgebildet wurde. Bei aller Liebe zum Realismus gibt es aber auch Indiana-Jones-typische Twists wie die Besetzung des Vatikans durch die italienischen Faschisten oder das Anlegen des Nazi-Luftschiffs am Petersdom.

Das Gameplay hat mich hingegen weniger überzeugt. Für meinen Geschmack gibt es einfach viel zu viele Schleichpassagen, für die ich generell nicht viel übrig habe. Sie machen ca. ein Drittel des Spiels aus; der Rest besteht aus Erkundung (gerne kombiniert mit Kletterpassagen) und Rätseln, meist in Schalterform. Ab und zu gilt es auch wie in einem interaktivem Film an der richtigen Stelle einen Button zu drücken. Doch zum Glück ist dies eher die Ausnahme.

Wie in den Filmen reist Indy auch in Der große Kreis um die Welt, wo dann in den schon weiter oben genannten und relativ frei erkundbaren Open-World-Arealen verschiedene Haupt- und Nebenquests warten. Es haben sich auch zwei kleinere Schlauchlevels dazwischen gemogelt (Himalaya, Shanghai), die durch die geringere Freiheit aber weniger Spaß machen.

Mit seinem Gameplay-Loop (Erkunden, Schleichen, Rätseln) ist Der große Kreis eigentlich ein klassisches Action-Adventure. Doch die Entwickler haben sich entschieden, die Ego-Perspektive zu verwenden, obwohl die Grafik-Engine Third-Person genauso gut beherrscht (Indy wird z.B. beim Klettern komplett gezeigt). Durch diese Wahl werden manche Jump-and-Run-Passagen und Kämpfe unnötig schwer: So kann ich bei Sprüngen entweder auf meine Füße schauen, um den Absprungpunkt zu treffen, oder auf das Ziel - aber nie beides gleichzeitig. Besonders ärgerlich war dies bei einer Treibsand-Sequenz, wo nur schwer ersichtlich war, dass (und wie tief) Indy gerade im Sand versinkt.

Am Anfang ist auch sehr unklar, was im Spiel realistisch umgesetzt ist und was nicht. So kann Indy immer nur ein Item in der Hand halten - entweder die Kamera, oder eine Fackel, oder eine Waffe. Die Kamera kann man auch wegstecken, aber beim Hochklettern einer Leiter oder beim Peitschenschlag wirft Indy den Gegenstand in seiner Hand einfach weg.

Ebenso fremd wirkte auf mich das Konzept der Verkleidungen. Sowohl im Vatikan als auch in der Nazi-Ausgrabungsstätte von Gizeh findet Indy jeweils eine Verkleidung, die fast alle Gegner täuscht und ein deutlich einfacheres Bewegen erlaubt verglichen mit dem ständigen Schleichen. Doch höherrangige Offiziere lassen sich davon nicht in die Irre führen und wollen den Ausweis kontrollieren - dem kann man sich nur durch schnelle Flucht entziehen. An der Stelle wird es wild, denn die Offiziere alarmieren die anderen Faschisten oder Nazis in ihrer Nähe. Eine Minute später nach der Flucht haben sie dies jedoch schon wieder vergessen und grüßen wie zuvor.

Der Realismus hat also Grenzen, die erst erkundet werden müssen. Für mich war es schon schwer, die Uniformen der Offiziere von denen der normalen Soldaten zu unterscheiden. Und da es keine Gesundheitsanzeige der Gegner und nur wenig Trefferfeedback gibt war jeder Kampf eine Überraschung, wieviel Schläge das Gegenüber noch einsteckt. Besonders heftig war das bei den “Endgegnern”, wo ich oft minutenlang prügelte ohne zu wissen, ob das was ich gerade mache überhaupt Wirkung zeigt.

Dabei ist das Kampfsystem generell wunderbar hemdsärmlig. Es gibt zwar Schusswaffen, aber deren Einsatz ruft meist viele Gegner auf den Plan, weshalb hauptsächlich mit den überall herumliegenden Gegenständen geschlagen wird. Diese nutzen sich auch schnell ab, so dass sie selten für mehr als einen Widersacher reichen. Idealerweise schleicht man sich von hinten an, das spart Schläge, oder schleicht gleich um die (vielen) Gegner herum - Indiana Jones ist alles andere als ein Superheld.

In den Optionen kann der Schwierigkeitsgrad von Schleichen und Kämpfen nach den eigenen Wünschen angepasst werden. Ich habe beides auf Easy gestellt, wodurch auch der leichte Rollenspielanteil obsolet wurde (für gesammelte Abenteuerpunkte können über Abenteuerbücher die Fähigkeiten wie Ausdauer gesteigert werden).

Etwas gefremdelt habe ich mit der Steuerung. Nicht alles ist logisch (Einzeltasten für rechte und linke Schläge, aber nur eine Taste für den Block, das zweidimensionale Menü hinter dem D-Pad), einiges ist nervig, und anderes hat mich über das gesamte Spiel hinweg gequält: So gibt es zwar einen Abbrechen-Button mit B, aber wenn ich ins Kartenmenü gehe komme ich nur mit derselben Menü-Taste zurück, nicht aber mit B wie in fast jedem anderen Spiel. Dadurch dass auf B das Schleichen liegt, bin ich so oft unerwartet aus meiner Deckung gegangen, was bei einer Entdeckung unschön enden kann.

Doch zum Glück hat Indiana Jones und der große Kreis ein gut funktionierendes Speicherkonzept. Es gibt keine klassischen Spielstände sondern es wird an wichtigen Punkten durch das Spiel automatisch gespeichert. Und dieser Savepoint wird zusammen mit dem Spiel direkt beim Start geladen, so dass bereits im Menü der aktuelle Stand zu sehen ist und gleich weitergemacht werden kann. Das fand ich sehr angenehm, vor allem da es außer dem Fortschritt kaum Inhalte gibt, die unterschiedliche Spielstände erfordern würden.

Vielmehr ist das Spiel sehr story-getrieben und adaptiert so perfekt die Atmosphäre der Filme: Es gibt ironischen Dialoge, augenzwinkernde Action und all die kleinen Verrücktheiten, die Spielbergs Interpretation von Archäologie so unterhaltsam gemacht haben. Und als kleines Plus bietet das Spiel auch ein deutlich besseres Frauenbild, denn der Sidekick Gina ist weit entfernt von einer damsel in distress und gibt Indy nicht nur auf der Tonspur Kontra, sonder schlägt auch gerne in Kämpfen mit zu. Einzig das Thailand-Level fällt da etwas aus der Rolle und macht den Eindruck, dass den Autoren plötzlich nichts mehr zu Gina eingefallen ist. Sie macht kaum mehr als im Boot zu sitzen, während Indy zeitweise sogar von einer plötzlich aus dem Nichts auftauchenden Archäologin begleitet wird.

Und ähnlich seltsam fühlt sich auch das Finale an. Der Kampf gegen Voss ist spielerisch sehr unklar (ich habe ihn dreimal in die Hocke geprügelt, bis es endlich weiterging zum nächsten Teil des Kampfes) und optisch enttäuschend nach dem vorhergehenden hohen Grad an Realismus. Doch alles in allem ist Indiana Jones und der große Kreis ein sehr rundes Spiel mit vielen gelungenen Teilen, aber auch ein paar Ecken und Kanten, das mir viel Spaß gemacht hat.