Das Alien und ich

gesehen
gedacht
Published

29.03.2026 22:44

… sind Kinder derselben Zeit. Im Abstand von nur zwei Jahren zur Welt gekommen, haben wir uns Mitte der Neunziger in einer dunklen Nacht im ZDF näher kennengelernt und seitdem durchs Leben begleitet. Klar, es gab längere Pausen in unserer Beziehung, doch wir haben uns trotz der Veränderungen, die wir beide durchgemacht haben, immer wieder zusammengefunden. Anlässlich von Alien: Earth will ich nun zurückschauen auf die gemeinsamen dreißig Jahre und natürlich fing alles an mit

Alien - Das unheimliche Wesen aus einer fremden Welt

Bei meiner ersten Sichtung war ich noch geflasht von dem Offensichtlichen: Alien ist ein auf der Ton- wie auf der Bildspur unglaublich intensiver Hybrid aus Horror und Science-Fiction. Regisseur Ridley Scott erzeugte meisterhaft eine verstörende, klaustrophobische Atmosphäre, hielt den Zuschauer auf Spannung mit nur wenigen Blicken auf das titelgebende Monster und steigerte den Puls im Finale auf Höchstwerte.

Als der Film 1979 ins Kino kam war er zudem nicht nur mit seinem Genre-Mix und der für Science Fiction unüblichen Darstellung eines heruntergekommenen Frachters mit einer wenig heldenhaften Besatzung innovativ: Die von Sigourney Weaver gespielte Ellen Ripley war eine der ersten großen Action-Heldinnen im Kino, und nur wenige Zuschauer rechneten damit, das von der sukzessive dezimierten Besatzung ausgerechnet Ripley es am Ende schafft, das überlegene Alien auszuschalten.

Künstlerisch profitierte der Film von der vorher gescheiterten ersten Dune-Verfilmung. Autor Dan O’Bannon brachte Moebius und HR Giger von dort mit und der schweizer Künstler gab dem Xenomorph einen sexuellen Subtext mit, der gut zu der umgedrehten Geschlechterrolle passte: Es fängt an mit dem Facehugger, der den menschlichen Körper durch den Mund penetriert. Der Chestbuster kommt danach mangels einer geeigneten Öffnung im männlichen Körper über den Durchbruch des Brustkorbs zur Welt. Und der ausgewachsene Xenomorph ist eine verstörende biomechanische Mischung aus weiblichen Rundungen, Körperflüssigkeiten und einem aus dem Maul schießenden Phallus mit Zähnen.

Dabei erklärt der Film seine dunkle Welt nicht, und so blieben viele Fragen offen: Wer hat die Eier gelegt, aus denen die Facehugger schlüpfen? Wer sind die großen Außerirdischen, deren Schiff scheinbar die Aliens transportiert hat und die dann Opfer derselben wurden? Warum haben sie die Monster transportiert und wie hat sich so eine Killer-Spezies überhaupt entwickelt? Was Alien quasi im Vorbeigehen zur Etablierung seiner wundersamen Welt zeigt, sollte den Grundstein für eine ganze Reihe an Nachfolgerfilmen bilden.

Und so ganz nebenbei wurden auch noch Themen angesprochen, die selbst 2026 noch hochaktuell sind. Der Frachter Nostromo gehört dem Konzern Weyland-Yutani und dieser geht buchstäblich über Leichen, um die Xenomorphs zu bergen. Dazu wird der erst spät als Roboter enttarnte Wissenschaftsoffizier Ash eingesetzt (die Frage Mensch oder KI verhandelte Scott drei Jahren später als zentrales Thema in Blade Runner erneut), während der Bordcomputer Mutter im Hintergrund die Fäden zieht (algorithmische Kontrolle der Menschen).

Aliens - Die Rückkehr

Einer der spannendsten Aspekte der Alien-Filmreihe ist, dass fast jeder Film mit einer anderen Crew und anderen inhaltlichen Schwerpunkten realisiert wurde und so kein Teil dem anderen ähnelt. So ließ James Cameron in seinem Drehbuch vom Konzept des Vorgängers bis auf Ripley und das Alien kaum etwas übrig.

Und James Cameron wäre nicht James Cameron, wenn er nicht die Action in den Vordergrund stellen würde. Dazu brach er mit vielen der etablierten Erfolgsfaktoren des ersten Teils: Wo dort ein Exemplar des Xenomorphs eine ganze Schiffsbesatzung auszuschalten wusste, muss es Ripley nun - nomen est omen - mit einer ganzen Armee der Aliens aufnehmen. Und während Ridley Scott das Monster nur in homöopathischen Dosen zeigt, geht Cameron voll in your face und lässt seine Marines auf Horden davon ballern.

Dabei ist das Drehbuch in seinen weiblichen Rollen - auch wenn es unter den Marines Frauen gibt und Sigourney Weaver weiterhin den Film auf ihren Schultern trägt - konzeptionell konservativer ausgelegt: Schon in einer Albtraumsequenz zu Beginn darf Ripley ein Alien “zur Welt bringen”, danach darf sie sich mütterlich der kleinen Newt annehmen und am Ende gegen eine Alien Queen antreten, die aber vor allem wie bei den Bienen und Ameisen eine Gebärmaschine mit Staat ist.

Gut gefallen hat mir dagegen die veränderte Darstellung der Androiden mit dem von Lance Henriksen gespielten Bishop. Zusammen mit Ripley muss nach und nach erst das Misstrauen nach den Erfahrungen des ersten Teils abgebaut werden, was eine wunderbare Entwicklung ist, auf die der Charakter den Zuschauer mitnimmt.

Alien 3

… hatte das Glück, den damals als Filmregisseur noch unerfahrenen David Fincher gewinnen zu können. Die Produktion litt jedoch unter einer Drehbuch-Odyssee; eine erste Fassung von William Gibson (dem Erfinder des Cyberpunks) wurde vom Studio verworfen.

Fincher ist niemals richtig warm geworden mit seinem Regiedebüt, und auch ich halte ihn für den schlechtesten Teil der Serie. Dabei ist die Ausgangsprämisse, das Alien (und Ripley) auf eine geschlossene, von Religion geleitete Männer-Gemeinschaft treffen zu lassen, sogar sehr reizvoll. Und der von Musikvideos kommende Fincher fand mit seinen drehenden, verzerrten Kamerafahrten durch die engen Gänge eine beeindruckende Visualisierung für die Beschränkungen der Strafkolonie. Doch am Ende war das Drehbuch zu schwach und mir persönlich fehlte auch die Farbe im Film.

Alien - Die Wiedergeburt

… war dann mein erster Alien-Film, den ich im Kino erleben durfte. Unter der Regie von Jean-Pierre Jeunet, der vorher mit Delicatessen und Die Stadt der verlorenen Kinder zwei tolle Genre-Werke abgeliefert hatte, und mit Winona Ryder an der Seite von Sigourney Weaver konnte doch nichts schiefgehen, oder?

Alien: Resurrection spielt mit dem Thema des Mad Scientists: Was passiert, wenn Wissenschaftler befreit von jeder ethischen Fessel die Grenzen des Klonens ausloten? Um an eine Alien Queen zu kommen, wird Ellen Ripley auf einer Forschungs-Raumstation aus Blutproben geklont und die Königin aus ihrem Körper entfernt. Doch die DNA von beiden wurde dadurch verändert, und als die Aliens ausbrechen muss Ripley zusammen mit der Androidin Call und einem kleinen Trupp von Weltraumpiraten von der Station fliehen, während die Alien Queen ein Mensch-Alien-Mischwesen zeugt.

Jeunet brachte vor allem optisch neuen Schwung in die Alien-Saga. Ryder war der erste Androide mit weiblichem Körper und Dominique Pinon und Ron Pearlman, mit denen Jeunet schon in seinem vorherigen Film Die Stadt der verlorenen Kinder gearbeitet hatte, sind wunderbar gegen den (amerikanischen) Strich besetzt. Zudem kam mit Farbfiltern und dem Einsatz von viel Wasser und Feuchtigkeit ein Ekelfaktor in den Film, der gut zu den Aliens passt.

Der wunderbare Look des Films lebt auch von seinen Einstellungen und Setdesign, doch leider ist das Tempo der Erzählung sehr hektisch und so wollte der Funke bei mir nicht ganz überspringen. Das mag auch daran liegen, dass das Drehbuch zwar initial von Joss Whedon stammte (der bis dahin hauptsächlich für die Vampirjägerserie Buffy bekannt war, doch später die kreative Kraft hinter der zweiten Phase des Marvel Cinematic Universe werden sollte), aber sowohl fleißig vom Studio umgeschrieben als auch von Jeunet relativ frei interpretiert wurde.

Alien vs Predator

Es wird gerne darüber diskutiert, ob alles rund um Alien vs Predator wirklich zur Alien-Reihe gezählt werden soll, aber für mich ist es ebenso ein Teil davon wie die Computerspiele - wenn auch leider kein gelungener. Deshalb verliere ich hier keine weiteren Worte darüber und verweise einfach auf meine Rezension von 2004.

Prometheus - Dunkle Zeichen

Mit Prometheus nahm Ridley Scott 2012 das Zepter über die Reihe wieder selbst in die Hand, um zwei miteinander verbundene Fragen aus dem ersten Teil zu beantworten: Wer sind diese großen Außerirdischen, auf deren Schiff die Alien-Eier gefunden wurden? Und warum hatten sie so gefährliche Fracht an Bord?

Prometheus beginnt dann auch vielversprechend: Archäologen finden heraus, dass die Entwicklung der Menschheit von Außerirdischen, genannt die Konstrukteure, gesteuert wurde und diese ihnen eine Art Karte hinterlassen haben, die auf eine Sternenkonstellation zeigt. Neugierig wie wir Menschen sind, wird eine Expedition gestartet, um mehr über die Konstrukteure herauszufinden.

Verglichen mit dem ersten Alien-Film ist dies eine willkommene Umkehr des Settings. Eher utopisch als dystopisch geht eine Gruppe Wissenschaftler auf eine Mission, die Ursprünge der Menschheit zu ergründen. Was hätte aus dieser Exposition alles werden können - wenn es sich nicht um einen Ableger der Alien-Reihe handeln würde. So kaut Ridley Scott am Ende nur das Konzept des ersten Teils wieder: Es gibt einen Konzern mit einer hidden agenda. Es gibt einen Androiden, der nicht im Sinne der Crew arbeitet. Und von denen bleibt am Ende nur ein weibliches Besatzungsmitglied übrig.

Die Charaktere sind dabei leider sehr schwach gezeichnet und ihr Verhalten schwer nachvollziehbar; ein starker Bruch zum Anfang des Films. Und die beantworteten Fragen (Spoiler: Die Aliens sind quasi eine Massenvernichtungswaffe, um die Menschheit zu vernichten) werfen nur mehr Fragen auf - was soll man auch von Lost-Creator Damon Lindelof anderes erwarten. So bin ich damals sehr unbefriedigt aus dem Kino gegangen

Alien: Covenant

… und habe mir den direkten Nachfolger gar nicht erst auf der großen Leinwand angesehen - was eine gute Entscheidung war. Denn viel Neues fällt dem Film nicht ein; stattdessen beschränkt er sich darauf, viele Elemente der Vorgängerfilme zu variieren (deshalb auch die Rückkehr zum Alien im Filmtitel). Ein Highlight ist natürlich weiterhin Michael Fassbender in seiner Doppelrolle als die Androiden David und Walter, doch inhaltlich wird dem Thema nichts abgewonnen, was nicht schon in Star Trek: The next generation mit Data und Lore behandelt wurde.

Alien: Romulus

Nach Covenant brauchte ich eine Pause. Ich hatte nicht den Eindruck, dass sich die Alien-Saga aus der Enge des selbstgeschaufelten Grabes des Fanservice befreien könnte, und die Kritiken und die Zusammenfassung der Handlung von Romulus bestätigten mich darin. Vielleicht werde ich einmal in einem Moment der Schwäche diese Episode noch nachholen, aber aktuell kann ich sehr gut damit leben, nicht dabei gewesen zu sein.

Alien: Earth

Und nun also eine TV-Serie. Die Streamingdienste dürsten nach Content, um die Menschen in ihr Abo zu locken, und was bietet sich da mehr an als ein etabliertes Franchise wie das Alien-Universum? Und was könnte die Fans mehr locken als endlich das wahrzumachen, womit die Filmreihe schon mehrmals kokettiert hat? Nämlich das Alien an sein Ziel zu bringen: Die Erde.

Doch mehr als ein Aufhänger zum Einschalten ist dies gar nicht; vielmehr beginnt die Serie mit einem Zwischentitel, der den wahren Diskurs vorwegnimmt: Welches ist die am weitesten entwickelte Lebensform auf der Erde? Die Cyborgs (kybernetisch erweiterte Menschen), die Synths (Androiden) oder gar Hybride (synthetische Körper mit einem menschlichen Bewusstsein)?

Letztere werden gerade von der Prodigy Corporation und ihrem CEO und Wunderkind Boy Kavalier auf einer kleinen abgeschiedenen Insel getestet. Dazu wurde in einem Experiment der Geist mehrerer totkranker Kinder in künstliche Körper transferiert um zu ergründen, ob dies eine stabile Kombination ergibt.

Gleich zu Beginn Alien: Earth gibt es jedoch eine Bruchlandung eines Forschungsschiffes der Weyland-Yutani-Corporation auf der Erde im Gebiet von Prodigy. Boy Kavalier lässt die geborgenen “Proben” des Schiffes (u.a. Alien-Eier) für weitere Untersuchungen auf seine Insel bringen, womit eine verhängnisvolle Dynamik ihren Lauf nimmt, in die neben dem Androiden Kirsh in Diensten von Kavalier auch Morrow involviert ist, ein Cyborg der Yutani-Corporation, der die Proben für Yutani zurückholen will.

Alien: Earth nutzt die acht Stunden Laufzeit der ersten Staffel, um der Alien-Saga einige neue Ideen hinzuzufügen. Da wäre die konsequent weitergedachte Beherrschung der Welt durch fünf Konzerne und ihre allmächtigen Oligarchen. Und auch das Alien ist nicht mehr allein in diesem Universum, sondern (Spoiler!) teilt es sich mit Weltraumzecken, einem Kokon, anorganisches Material essenden Fliegen und dem heimlichen Star der Serie, dem Oktopus-Auge.

Und als wäre das nicht genug, gibt es neben Androiden nun auch Cyborgs und Hybride, wobei die Serie hauptsächlich aus deren Perspektive erzählt wird. Das hat den sicherlich eingeplanten Vorteil, mit jungen hübschen Schauspielern neue Zuschauergruppen anzulocken, während das Peter-Pan-Thema des jungenhaften Boy Kavalier davon ablenken soll, dass Kindergehirne in erwachsenen Körpern sehr ambivalent betrachtet werden können, was die Serie jedoch niemals explizit anspricht.

Stattdessen wird sich auf die Entwicklung der Hybride fokussiert und wie sie sich, ähnlich den Aliens in eigentlich jedem Film der Serie, aus der Gefangenschaft durch die Menschen befreien. Die Mad Scientists hinterfragen diesmal zumindest den Einsatz von unethischen Methoden, doch am Ende fügen sie sich der Hierarchie und zeigen sich als Mitläufer - die Menschen sind nur ein weiteres funktionierendes Puzzlestück in der Machtstruktur der Konzerne, ebenso wie die Androiden und Cyborgs.

Deshalb ist der wohl spannendste Charakter der Serie Joe Hermit, der als Bruder der ersten Hybridin Wendy immer wieder den Status Quo infrage stellt. Er spricht sie konsequent mit ihrem alten Namen Marcy an und ist ein Advokat der Vorstellung, dass sie nicht dem Konzern Prodigy gehört (Namen geben bedeutet Macht ausüben - eine spannende ethische Frage, wenn der eigene Körpern jemand anderem gehört). Gleichzeitig sieht er auch Situationen nicht so einseitig wie die meisten Charaktere und unterbricht z.B. Wendy, als sie ein paar Wachen töten will, auch wenn er damit ihre gemeinsame Flucht verhindert.

Alien: Earth fährt konsequent auf dieser Schiene zwischen Fan-Service und spannenden Ambivalenzen. So wird das Alien zwar etwas abgewertet, weil Wendy seine Sprache lernt und es herumkommandiert, aber gleichzeitig war das auch immer eine Frage der Filme: Inwieweit kann eine autonome Waffe wirklich kontrolliert werden, und wer wird es sein, der am Ende die Kontrolle in den Händen hält? Diese Spiegelung der Handlung ist aus meiner Sicht ein Highlight der Figurenkonstellation.

In Sachen Schauspiel hat mir vor allem Timothy Olyphant als Android Kirsh gefallen. Auf den ersten Blick ist sein zurückhaltendes Spiel mit den präzisen, überlegten Bewegungen an seine Vorgänger Ash, Bishop und David angelehnt. Doch optisch erinnert er stark an den Replikanten Roy Batty aus Blade Runner und die Serie schafft es gut, seine Motivation im Unklaren zu lassen und überlässt es dem Zuschauer zu entscheiden, ob die bewusst freie Interpretation der Befehle nur der Optimierung der Zielerreichung dient oder doch auf eigene Ziele einzahlt.

Doch der Verweis auf den anderen Sci-Fi-Klassiker von Ridley Scott ist nicht der einzige Fanservice. Ich persönlich hätte die gesamte fünfte Episode nicht benötigt, wo das übliche Dezimieren des Schiffpersonals durch u.a. ein Xenomorph durchexerziert wird. Wir erfahren zwar etwas mehr über die Backgroundstory von Morrow, aber dafür hätte es keine volle Episode gebraucht. Ganz zu schweigen davon, dass ich es hasse, wenn die eigentlich linear erzählt Handlung einfach mal für eine überlange Rückblende in Episodenform unterbrochen wird.

Versöhnlich hat mich dann Cherub Rock von den Smashing Pumpkins als Abspann-Song gestimmt, der sich einreiht in eine großartige Auswahl an Liedern, mit denen sich die Episoden vom Zuschauer verabschieden und die mich dazu gebracht habe, bis zum letzten Credit weiter zu schauen.

Alles in allem hat mich die Serie positiv überrascht und es freut mich, dass es nach ein paar mauen Filmen gelungen ist, der Alien-Saga wieder frischen Wind einzuhauchen.