Spider-Noir
Der Superheld mit den Spinnenfähigkeiten begleitet mich schon seit meiner Kindheit. Nach dem Ende der DDR hatte ich plötzlich Zugriff auf eine Vielzahl von Comics und TV-Serien, und irgendwie hat es mir Spiderman damals angetan. Vielleicht lag es daran, dass er sich nicht immer als Held fühlte und sich den jugendlichen Problemen durch Flucht nach oben entziehen konnte - zwei Dinge, mit denen ich gut resonieren konnte. Neben der Serie Spider-Man and his Amazing Friends hatte ich das unglaubliche Glück, dass eines meiner wenigen Besitztümer die deutsche Ausgabe von Amazing Spider-Man 300 war. Dieses Heft lebt nicht nur von dem unglaublichem Artwork von Todd McFarlane, sondern zeigt auch die Spinne von ihrer besten Seite. Peter Parker steht mit Venom einem Gegner gegenüber, der ihm scheinbar in allen Belangen überlegen ist, gegen den nicht einmal seine Spinnensinne anschlagen und der nun auch seine Familie bedroht. Er kann ihn nur mental schlagen und sucht sich deshalb Hilfe bei einem Psychologen - eine wohltuende Abweichung von den üblichen Superheldenklischees.
Als es Spider-Man zehn Jahre später auf die große Leinwand schaffte, war ich natürlich begeistert, doch die Fortsetzungen wurden nicht besser und ausgerechnet Spider-Man 3, in dem die Venom-Storyline aufgegriffen wird, war der Tiefpunkt der Serie. Mit den Reboots konnte ich mich dann gar nicht mehr anfreunden, was vielleicht auch am Zeitgeist liegt - Spider-Man war immer der Held für die Heranwachsenden, und mit jeder neuen Generation müssen andere Konflikte behandelt werden. Dankbar bin ich aber für die beiden Spider-Verse-Filme, die frischen optischen Wind in den Animationsfilm brachten, auch wenn mich die Multiversumsthemen inzwischen ordentlich langweilen.
Womit wir bei Spider-Noir angekommen sind. Die Serie versetzt die Spinne in ein hard-boiled New York der 1930er Jahre und macht ihn zu einem gebrochenen Charakter in der zweiten Hälfte seines Lebens - yeah, mein Kindheitsheld ist mit mir in der Midlife crisis angekommen. Nicolas Cage passt als Darsteller dieses B-Helden wie die Faust aufs Auge und liefert mit einer vor allem physischen Spielfreude (die an Bad Lieutenant erinnert) eine Leistung ab, die ich ihm mit über 60 nicht zugetraut hätte.
Etwas verwirrt hat mich die Serie in ihrer Mischung aus B-Movie-Attitüde und dem üblichen Streamingserien-Billiglook. Die bewusst künstliche Ausleuchtung gehört wohl zu ersterer Kategorie und der schlecht geschnittene Fight in Episode Eins zu letzterer, aber wo sich das grauenvolle Spiel von Brendan Gleeson einreiht weiß ich nicht zu entscheiden.
Aber trotz (oder vielleicht auch aufgrund) aller Überzeichnung wusste mir der Stil der Serie zu gefallen. Inhaltlich werden zwei klassische Spider-Man-Themen (Aus großer Macht folgt große Verantwortung, welche Spinnenfähigkeiten besitzt Spider-Man) vollkommen neu gedacht, und das alternative Setting in Kombination mit bekannten Charakteren funktioniert erstaunlich gut, so dass ich eine Empfehlung für die Serie ausspreche - schon alleine damit jeder sehen kann, wie Nicolas Cage seine Extremitäten wie eine Spinne zusammen- und auseinanderfaltet.