Upstream color

Berlinale-Filmdatenblatt

„Die Gedanken sind frei“ heißt es in einem deutschen Volkslied. Nicht jedoch bei Upstream Color, in welchem Maden in der Lage sind, einen Menschen so zu manipulieren, dass er alles tut und glaubt, was ihm gesagt wird. So muss die entführte Kris in ihrer Madenhypnose ihr komplettes Hab und Gut abtreten und ein Buch über zivilen Ungehorsam Seite für Seite abschreiben.

Als sie aus dieser Trance erwacht, hat sie das Gefühl, dass sich noch immer Maden in ihrem Körper bewegen. Hilfe findet sie bei einem Schweinezüchter, der sie in einer Operation von ihren Qualen befreit.

Doch auch körperlich wieder hergestellt ist sie nicht mehr die Alte; es fällt ihr schwer, ein neues Leben aufzubauen. Da trifft sie auf Jeff und die beiden stellen fest, dass ihre Leben über gemeinsame Erinnerungen verknüpft sind. Und nicht nur dass, auch mit den Schweinen des Schweinezüchters fühlen sie sich übernatürlich verbunden…

So wie sich die Inhaltsangabe nach einem wirren Fiebertraum anhört, dessen innere Logik sich sofort nach dem Aufwachen nicht mehr erschließt, so lässt sich auch dem Film wie einem Bewusstseinsstrom folgen, ohne zu verstehen, was da eigentlich genau abläuft. Wie die Madenhypnose mit den Schweinen zusammenhängt und wie diese ein Orchideenwachstum beeinflussen – ich kann es nicht sagen. Doch die Montage setzt dies in einen Zusammenhang, dem man auch ohne Verständnis folgen kann. Ich habe als Zuschauer nur die Wahl, die gezeigte Welt mit ihren unverständlichen Regeln zu akzeptieren oder an dem Film zu verzweifeln

So zurückhaltend der Film mit erklärenden Informationen umgeht, so minimalistisch zeigt er sich auch in den Dialogen. Viel spielt sich in den Gesichtern der beiden Hauptdarsteller ab, die meist in Nahaufnahmen zu sehen sind, bei denen dank extremer Tiefen(un)schärfe der Rest des Bildes in Unschärfe versinkt. Dies alles verstärkt den Eindruck eines Traumes; aus dem Meer der verschwommenen Erinnerungen treten Szenen wie einzelne Ereignisse hervor an die Oberfläche der Leinwand.

Regisseur Shane Carruth hat mit seinem kleinen Film auf jeden Fall geschafft, was nur wenigen Kreativen in der Filmwirtschaft möglich ist: Er hat die vollständige künstlerische Kontrolle über sein Projekt ausgeübt. Neben Drehbuch und Regie war er gleichzeitig auch für Kamera und die zurückhaltende, aber zeitweilig intensive Filmmusik verantwortlich und übernahm zudem eine der beiden Hauptrollen.

Allein dafür sollte man Shane Carruth Anerkennung zollen. Nur leider habe ich mir bis heute keinen Reim auf das Gesehene machen können, so dass ich hin- und hergerissen bin, ob mir der Film aufgrund seiner Stimmung gefällt oder er mich mit seiner schweren Zugänglichkeit abstößt…

Hotel de Winter in Ludwigslust

Eigentlich bin ich ein Pixelpeeper. Meine DSLR habe ich mir zugelegt, um hochauflösende Bilder auch in kritischen Situationen zu schießen. Doch eine große Kamera nimmt auch viel Platz ein, und nicht immer will ich eine große Tasche mit mir herumschleppen.

So war es auch die letzten zwei Tage. Ich war auf einem Seminar in Ludwigslust und hatte anschließend noch einen abendlichen Termin in Berlin – mehr Gepäck als die kleine Reisetasche wollte ich nicht dabei haben. Also habe ich wie schon vor zwei Wochen am Liepnitzsee auf mein Handy zurückgegriffen, um die Kulisse des Seminars zu dokumentieren.

Das Handy ist, was die Bildqualität angeht, das komplette Gegenstück zu meiner DSLR. Kleiner Sensor, viel Rauschen, und eigentlich nur bei Sonnenlicht zu gebrauchen. Die gemachten Bilder sind, selbst wenn optimale Bedingungen herrschen, höchstens in kleineren Aufösungen (um 1000 Pixel Breite) zu gebrauchen. Für mein Blog ist dies jedoch gerade ausreichend.

Zudem habe ich die Handykamera nicht auf das Standard-3:2-Format eingestellt, sondern auf das bildschirmfüllende 16:9-Seitenverhältnis – als Fan der Panorama-Fotographie bin ich den breiten Bildformaten von Natur aus zugeneigt. So hatte ich die letzten Tage richtig Spaß, mit dieser ungewohnten Bildkomposition und der Festbrennweite zu experimentieren und herumzuspielen. Gerade das säulenartige Hochformat ist dabei sehr herausfordernd.

Mit meiner DSLR hätte ich ganz andere Bilder gemacht – u.a. von der Nachtwanderung durch Ludwigslust. Aber es hat mich überrascht, wieviel Freude ich an der Entdeckung meines Handy für die Fotographie hatte. Dies werden wohl nicht die letzten Bilder aus dieser Kamera sein!

The Master

USA (2012)
Regie: Paul Thomas Anderson
Darsteller: Joaquín Phoenix (Freddie Quell), Philip Seymour Hoffman (Lancaster Dodd), Amy Adams (Peggy Dodd), Laura Dern (Helen Sullivan) und andere Anhänger des Grundes

Offizielle Homepage

Als Freddie Quell nach dem gewonnenen zweiten Weltkrieg aus dem Dienst der US Navy entlassen wird, weiß er nicht viel mit seinem Leben anzufangen. Seine Trinksucht und Schürzenjägerei führen dazu, dass er von einem Job in den nächsten stolpert, bis er fünf Jahre nach Kriegsende zufällig auf dem Schiff landet, auf dem Lancaster Dodd die Hochzeit seiner Tochter feiert.

Dodd ist der Autor eines Buches names The Cause, in welchem er die religiös-utopische Idee entwickelt hat, dass alle Probleme des Menschen in seinen vorherigen Inkarnationen begründet sind und darauf aufbauend über hypnotische Rückblicke in die Vergangenheit therapiert werden können. In Quell, einen Menschen voller Probleme, aufgegeben von der Gesellschaft, sieht er einen Schüler, den er den richtigen Weg weisen kann, und so nimmt er sich Freddy an.

Er führt Sitzungen mit ihm durch und nimmt ihn mit auf seinen Reisen. Irgenwie scheint Freddy ihn zu inspirieren, wenngleich jegliche Versuche scheitern, seinen Charakter zu bändigen. Aber auch Freddy ist von dem Master angezogen, voller Dankbarkeit, dass dieser bedingungslos zu ihm hält, obwohl Dodds Familie ihn bereits ob seiner Eskapaden abgeschrieben hat. Doch am Ende stellen sich Freddys Triebe als zu starke Belastung für die Beziehung zwischen den beiden starken und egomanischen Charakteren heraus…

Nach dem großartigen There will be blood war ich gespannt auf den neuen Film von Paul Thomas Anderson. Und bin ordentlich enttäuscht davon, was Anderson aus dem Duell zweier zu Hochform auflaufender Schauspieler – nicht zu vergessen Amy Adams als die Strippenzieherin hinter dem Charismatiker Dodd – am Ende gemacht hat. Der Film verweigert schlicht jegliche Entwicklung, sei es auf Handlungs- wie auf Charakterebene. Zudem hält er die Motivation seiner Figuren im Dunkeln und konzentriert sich stark, am Ende zu stark auf die gemeinsamen Szenen von Joaquín Phoenix und Philip Seymour Hoffman, die nur unterbrochen werden von den Ausbrüchen von Freddy Quell.

Am Ende der zweieinhalb Stunden ohne finalen Klimax ist es Freddy, der aufgrund der enttäuschten Erwartungen weiter in die Freiheit hinauszieht. Bis dahin bietet der im großformatigen 70mm gedrehte Film einige tolle Aufnahmen, allen voran die detailreichen Nahaufnahmen der Gesichter von Phoenix und Hoffman während ihrer Dialoge. Doch auch die eindrückliche Szene im Gefängnis, wo der aufgebrachte Quell die Toilette seiner Zelle zerlegt, während Dodd in seiner ganzen massiven Erscheinung seelenruhig danebensteht, kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass die ganze Zeit über immer nur dieselben Seiten der Charaktere zu sehen sind – und das allein trägt den Film nicht über die Zeit.

Irgendwann hatte ich mich einfach sattgesehen am Spiel der Schauspielgrößen, so dass mir die wenigen Szenen mit Amy Adams viel besser im Gedächtnis hängen geblieben sind, da sie dosiert eingesetzt wurden und nicht im Übermaß. Ich hätte mich gefreut über mehr Einblicke in die Charaktere wie in der Szene einer Dinnerparty, die zuerst aus Sicht von Dodd und danach in der Wahrnehmung von Quell dargestellt wird – wo alle Frauen plötzlich komplett nackt auftreten. Aber da der Film sich zu stark auf seine Schauspieler konzentriert und zu wenig auf das Erzählen einer Geschichte, erreicht er nicht die Qualität der vorherigen Werke von Paul Thomas Anderson.

Liepnitzsee

Der März erfreut mit den ersten kräftigen Sonnenstrahlen des nahenden Frühlings, doch der Liepnitzsee bei Wandlitz trägt noch sein winterliches Eiskleid. Zusammen ergibt dies eine reizvolle Stimmung, die ich in ein paar Fotos konserviert habe.

Computer chess

Berlinale-Filmdatenblatt
Offizielle Seite

Es gab eine Zeit, als Computerprogramme noch nicht unser Leben bestimmten. Als noch nicht jeder Mensch eine kleine Rechenmaschine in der Tasche trug, die vernetzt mit allen anderen Rechnern dieser Welt unser Leben managt und bestimmt.

Computer chess berichtet von der Zeit, als wir diese Kontrolle über unser Leben verloren. Auf dem Schachsoftwarekongress anfang der 80er, wo sich die Handlung abspielt, war ein Computer noch große, schwere Hardware, die über eine Tastatur und Textkonsolen mit dem Anwender kommunizierte. Doch der Anfang für die folgende Dominanz war geschaffen: In abgeschlossenen Boxen werkelte Software nach nicht immer nachvollziehbaren Regeln auf mikroskopisch kleinen Siliziumhalbleitern.

Die Teilnehmer des Kongresses sind dabei als Dompteure ihrer Schachprogramme noch in der privilegierten Position, den ablaufenden Code selber geschrieben zu haben und so das Verhalten der Blackboxen zumindest nachvollziehen zu können. Doch einige von ihnen sind bereits zu bloßen Schnittstellen degeneriert, die wie Sinnesorgane dem Computer erlauben, seine Umwelt wahrzunehmen.

So wie Peter Bishop, der als Assistent von Dr. Beuscher auftritt, der mit seiner Software den Vorjahreskongress gewonnen hat. Doch dieses Jahr will das weiterentwickelte Schachprogramm einfach keine vernünftigen Züge berechnen, während sein Schöpfer mit Abwesenheit glänzt, so dass Bishop Theorien entwickelt, was wohl gerade schief läuft. Beeinflusst wird er dabei nicht nur vom einzigen weiblichen Teilnehmer des Kongresses, sondern auch von der Software des sonderlichen Michael Papageorge, der mit seinem auf Emotionen basierenden Programm das Feld von hinten aufrollt.

Zudem findet parallel in der Hotelanlage ein esoterischer Kurs von Paaren auf Selbstfindungskurs statt. Und eines der Pärchen hat auf der Suche nach Abwechslung in ihrer Beziehung ausgerechnet Bishop dazu auserkoren, ihrem Sexleben neuen Schwung zu verleihen – ein Ansinnen, das den jungen Assistenten nur noch mehr in Verwirrung stürzt…

Autor und Regisseur Andrew Bujalski, der Vorreiter des Mumblecore, bleibt mit Computer chess seinem Genre treu. Mit geringstem Budget und fast ausschließlich in einer Hotelanlage gedreht, lebt der Film von seinen Dialogen, die zwischen Humor und nerdigem Detailreichtum vor allem eines schaffen – den Anfang der 80er Jahre auf der Leinwand erneut zum Leben zu erwecken.

Da reiht sich neben den Kostümen und Frisuren auch die Kamera mit ein. Während in selbstreferentieller Manier ein Kameramann den Schachsoftwarekongress mit seiner Videokamera festhält (und gleich am Anfang dafür gescholten wird, die Kamera in die Sonne zu halten – daraufhin folgt nur noch eine einzige Außenszene), ist der ganze Film selber mit solchen Kameras in schwarz-weißem 4:3 gedreht und hat mit allen Problemen dieser Wahl zu kämpfen: Unschärfen aufgrund des prähistorischen Autofokus, fehlende Details und künstliche Artefakte wie Staub auf der Linse machen in kürzester Zeit aus dem Effekt, sich 30 Jahre zurückversetzt zu fühlen, ein Ärgernis für die Augen (die offizielle Homepage gibt einen guten Einblick in die „Qualität“ der Aufnahmen).

Trotz vieler interessanter Ansätze (u.a. die Running Gags um die Katzenplage und die andauernde Zimmersuche von Papageorge) dümpelt Computer chess schließlich unentschlossen und ohne richtigen Handlungsfaden vor sich hin, so dass ich hin- und hergerissen bin: Eine grauenvolle Kamera trifft auf eine detailverliebte Homage an die ersten Programmierer von Schachsoftware; am Ende war ich jedoch froh, den Film hinter mich gebracht zu haben!

Andrew Bujalski, Autor und Regisseur von Computer chess

Meine Berlinale 2013

…ist schnell zusammengefasst: Ganze zwei Filme konnte ich ansehen, mehr haben mein straffer Terminplaner und eine gemeine Bronchitis nicht erlaubt. Dabei hatte ich einiges vor: Top of the lake, The act of killing, Narco cultura, Pardé, A single shot und viele andere klangen sehr interessant. Aber gut, zwei sind besser als gar kein Film und im nächsten Jahr gibt es wieder eine Berlinale!


Weihnachten im Gesundheitssystem

Dass Weihnachten mit seinen Feiertagen ein ungünstiger Zeitpunkt für Zwischenfälle ist, habe ich bereits eine Woche vorher gemerkt, als mir meine Brille herunterfiel und kein Optiker mir im alten Jahr ein neues Glas einsetzen konnte. Doch zumindest konnte ich die Brille abgeben und gemütlich zu Hause auf die Reparatur warten – mit einer Augenentzündung geht das nicht.

Genauer gesagt war nicht das Auge entzündet, sondern der Tränenkanal im Bereich des Tränensacks. Die ersten Schmerzen traten schon am 23. auf, doch bis zum 24. hatten sich die Entzündung auf das untere Lid ausgebreitet, so dass ich ärztlichen Rat konsultieren wollte. Da ich in Halle bei meinen Eltern weilte und deren Hausarzt (wie fast alle Ärzte) über Weihnachten geschlossen hatte, ging ich vormittags direkt zum kassenärztlichen Notdienst im Krankenhaus St. Elisabeth und St. Barbara, den ich noch von meinem Kahnbeinbruch im Jahr 2004 kannte (damals war ich einer der ersten, der eine Praxisgebühr bezahlen durfte – zu Weihnachten war ich einer der letzten, die 10€ abdrücken mussten).

Dort war es erwartungsgemäß sehr voll. Ich musste mich an einer Arztzimmertür anmelden und nach einer Stunde Wartezeit – vorsorglich hatte ich genügend Lektüre eingepackt – wurde ich einer Ärztin vorgestellt. Diese war Allgemeinärztin und verwies mich deshalb an eine niedergelassene Augenärztin, die Weihnachtsnotdienst hatte. Deren Praxis lag in der kleinen Marktstraße, die mir kein Begriff war. Also griff ich zu Google Maps auf dem Handy und wurde – leider falsch – zur Brüderstraße geleitet. Dort konnte mir zum Glück eine Apothekerin den Weg weisen: Die kleine Marktstraße liegt gar nicht direkt am Markt, sondern hinter der Händelpassage.

Angekommen an dieser zweiten Station meiner weihnachtlichen Ärztetour schaute sich die Augenärztin das Problem an und konnte mir eine erste Diagnose geben: Die Tränenkanäle hatten sich entzündet, vermutlich weil die Abflusswege über die Nase verstopft sind. Eigentlich sollte sich dabei auch Eiter bilden, doch bei mir gab es keine Anzeichen dafür, so dass mich die Ärztin zur Sicherheit weiterüberwies: Im Krankenhaus Kröllwitz gibt es einen Notdienst mit Augen- und HNO-Arzt; für eine sichere Diagnose könnte ich dort auch geröntgt werden.

Also machte ich mich auf zu Station 3 am Heiligabend. Inzwischen war es Mittag geworden, so dass mir etwas der Magen knurrte – auch in der Notaufnahme schien nur eine Pausenbesetzung anwesend zu sein. So durfte ich mich an eine Schlange von vielleicht zwanzig Patienten anstellen, die nur schleppend vorankam. Es gab keine schnelle Anmeldung, sondern ich musste tatsächlich die ganze Zeit über stehen. Als ich endlich den Zettel anbringen konnte, den mir die niedergelassene Augenärztin mitgegeben hatte, ging es schließlich ganz schnell.

Eine weitere Augenärztin bat mich in das letzte Zimmer am Gang und schaute sich meine Entzündung genau an. Sie bestätigte die Diagnose und wollte mich sofort ins Krankenhaus einweisen, damit ich die benötigten Antibiotika intravenös erhalte – ansonsten könnte die Entzündung durchaus gefährlich werden. Ein Krankenhausaufenthalt zu Weihnachten ist natürlich etwas, was ich gerne verhindern wollte (die haben ja nicht einmal WLAN!), und so konnte ich die Ärztin überreden, mir die Antibiotika in anderer Form zu verschreiben. Dafür musste ich versprechen, bei einer Zunahme der Entzündung sofort ins Krankenhaus zu gehen und mich nach der Rückkehr nach Berlin noch 2012 bei meiner Augenärztin zur Kontrolle zu melden.

Inzwischen war es 14Uhr, also schon kurz vor der Bescherung, und ich begab mich zur Apotheke am Franckeplatz – eine von drei Apotheken in Halle mit Notdienst zu Weihnachten. Diese hatte die zwei verschriebenen Antibiotika (lokal und systemisch) vorrätig, nicht jedoch die zusätzlich für Umschläge verschriebene Lösung. Da Rezepte aber nur komplett einlösbar sind, musste ich noch eine weitere Apotheke aufsuchen. Doch erst einmal begab ich mich nach Hause zu meinen Eltern für ein verspätetes Mittagessen und ließ mich danach zur Stephanus-Apotheke am Reileck fahren.

Diese konnten zwar die verschriebene Lösung liefern, aber nur in einer Konzentration von 20% (verschrieben waren 0,04%, ich hätte also 500fach verdünnen müssen) und auch erst mit einer Eilbestellung für den Abend. Da ich langsam genug hatte von Krankenhäusern und Apotheken ließ ich mir nur die Antibiotika geben und verzichtete auf die Umschläge. Jetzt konnte ich endlich zur Ruhe kommen am Heiligabend und Weihnachten mit meiner Familie feiern – wenn auch mit schmerzendem Auge und aufgrund der Antibiotika komplett ohne Alkohol.

Zurück in Berlin – ich musste am 27./28.12. arbeiten gehen – rief ich bei meiner Augenärztin an, um mich zu vergewissern, dass ihre Praxis zwischen den Feiertagen geöffnet hatte. Doch auch hier das aus Halle gewohnte Bild: Bitte wenden Sie sich an die Augenklinik im Virchowklinikum oder in Mahrzahn; wir sind ab 7.1. wieder für Sie da. Da die in Kröllwitz verschriebenen Antibiotika-Tabletten schon zur Neige gingen, entschied ich mich für das besser erreichbare Klinikum Virchow und begab mich in meiner Mittagspause am 27.12. nach Wedding.

Dort herrschte noch mehr Andrang als zu Weihnachten in Halle, so dass die Oberschwester jeden Patienten persönlich musterte, damit nur echte Notfälle bei den diensthabenden Ärzten landen. Ich konnte sie überzeugen, dass ich trotz zurückgegangener Schwellung noch ein Problem hätte, und durfte mich in den Wartesaal setzen. Es kann durchaus Stunden dauern, wurde ich vorgewarnt, doch am Ende vergingen gerade einmal 60 Minuten, bevor ich zur Vorkontrolle gebeten wurde und danach noch einmal 20 Minuten, bis ich im Zimmer der Augenärztin saß.

Diese bestätigte mir, dass die Medikamente angeschlagen hatten. Ich sollte jedoch noch eine weitere Woche die Antibiotika schlucken, damit die Entzündung komplett zurückgeht. Danach solle meine niedergelassene Augenärztin mit einer Kochsalzlösung testen, ob die Tränenkanäle frei sind. Denn als Damoklesschwert schwebte eine OP über mir, um die verstopften Kanäle von sich eventuell dort gebildeten Steinen zu befreien.

Im Gegensatz zu meinem Besuch im Hallenser Kröllwitz-Krankenhaus konnte mir die Ärztin im Virchowklinikum jedoch kein Kassenrezept für die Antibiotika geben, sondern nur ein Privatrezept auf eigene Rechnung. Dies hätte den Hintergrund, dass ich ohne Termin in die Augenklinik gekommen sei. Die Logik dahinter erschloss sich mir zwar nicht – ganz abgesehen von den mangelnden Alternativen – aber sie riet mir, ich könne das Rezept bei meinem Hausarzt in ein Kassenrezept umwandeln lassen. Also verließ ich das Virchowklinikum nach etwas über zwei Stunden mit dem guten Gefühl, dass die Entzündung gut verheilte, und dem ersten Privatrezept meines Lebens in der Hand.

Mein Hausarzt war an diesem Tag natürlich nicht mehr in der Praxis, aber laut Pförtner sollte er am folgenden Freitag, den 28.12., Sprechstunde haben. So stand ich am nächsten Morgen im Ärztehaus Friedrichshain nur um festzustellen, dass der Arzt doch nicht da war, und seine Vertretung erst später am Vormittag seine Praxis öffnet.

Für den Fall der Fälle hatte ich bereits die Ärztin im Virchowklinikum gefragt, was mich denn die Antibiotika auf eigene Rechnung kosten würde. Ich war davon ausgegangen, dass Mediziner Zugriff auf eine Arzneimitteldatenbank oder ähnliches haben. Doch die Ärztin gab die Bezeichnung des Präparats einfach bei Google ein und konnte so einen Preis von um die 30€ ermitteln. Für diesen Betrag wollte ich nicht meine Gesundheit aufs Spiel setzen und so ging ich eben ohne den Umweg über meinen Hausarzt direkt in die Apotheke. Dort musste ich erst einmal feststellen, dass auf dem Privatrezept nur der Name des Antiobiotikas stand, nicht aber die verschriebene Menge.

Auf die Frage nach Preis kam so die Gegenfrage, welche Packungsgröße ich benötige. Im Nachhinein war diese Frage überflüssig, da nur eine Größe überhaupt vorrätig war, aber die Apothekerin war scheinbar sehr genau. Dafür gab sie mir den Hinweis, die Rechnung einfach bei der Krankenkasse einzureichen – damit würde ich mir einen weiteren Arztbesuch ersparen. Ich verließ also die Apotheke mit genügend Antibiotika für eine Woche – das erste alkoholfreie Silvester seit über fünfzehn Jahren war gesichert.

Inzwischen habe ich einen Schlussstrich unter die weihnachtlichen Freuden mit meiner Entzündung gezogen. Die Antibiotika sind aufgebraucht, das Auge komplett schmerzfrei, und laut meiner Augenärztin sind die Tränenkanäle frei, so dass ich nicht operiert werden muss. Die Brille ist auch repariert und ich hoffe, dass für eine lange Zeit keine weiteren Arztbesuche nötig werden – mein Bedarf danach ist vorerst gedeckt.

Ein frohes neues Jahr

… wünsche ich allen meinen Lesern mit diesem Timelapse-Video von Sydney (das leider nicht von mir, aber trotzdem sehr schön und stimmungsvoll ist):

Mein Jahr 2012 in Zahlen

  • (nur) 15 mal im Kino gewesen
  • 9 Bücher gelesen (ich pendel mich gerade bei 10 ein)
  • 118 Filme gesehen (es wird immer weniger…)
  • 2 Spiele durchgespielt (darunter das 100-Stunden-Monster Skyrim)
  • 22957 Meilen geflogen
  • 65 Blogeinträge verfasst (auch hier Tendenz fallend)
  • 95 Bilder in 13 Gallerien hochgeladen (endlich eine ansteigende Statistik)
  • 4172 Bilder insgesamt geschossen (plus zusätzliche 3427 Fotos für Timelapse-Filme)

Meine liebsten Filme 2012

Weil es letztes Jahr ganz nett war, mit etwas Abstand mein persönliches Filmjahr noch einmal Revue passieren zu lassen, habe ich auch für 2012 eine Liste der besten Filme angelegt.

  1. Drive

    Die Buchvorlage ist ein aufs nötigste reduzierter Kriminalroman, den Nicolas Winding Refn kongenial auf die Leinwand hinübergerettet hat. Er erlaubt sich zwar die eine oder andere Länge aufgrund der minimalen Dialoge, dafür sitzt aber jede Einstellung und die Bildsprache und der 80er-Jahre-Synthie-Soundtrack ergänzen sich perfekt. Getragen von der exquisiten Auswahl an Schauspielern (Carey Mulligan, Bryan Cranston, Ron Perlman) passt hier sogar die eingeschränkte Mimik eines Ryan Gosling ebenso wie die einen interessanten Kontrapunkt setzende Gewaltexplosion in der Mitte der Handlung. Der eindeutig beste Film des Jahres!

  2. The Descendants – Familie und andere Angelegenheiten
  3. The Artist
  4. Hugo Cabret
  5. We need to talk about Kevin
  6. Kriegerin

    Ein paar Probleme hatte ich mit dem Nachvollziehen der Charakterentwicklung der beiden Hauptfiguren. Doch davon abgesehen ist Kriegerin ein sehr intensiver Film mit zwei sehr guten Schauspielerinnen und einer mutigen Milieuzeichnung. Noch dazu kenne ich einige der Drehorte in Wolfen und Bad Prora – authentischer kann ein Film gar nicht sein.

  7. Cheyenne – This must be the place

    Sehr stranges Road-Movie mit einem klasse Sean Penn.

  8. Über uns das All
  9. Der Gott des Gemetzels
  10. Rent-a-Cat
  11. Csak a szél – Just the Wind
  12. Der Hobbit
  13. Iron Sky