Naokos Lächeln

Japan (2010)
Regie: Trần Anh Hùng
Darsteller: Ken’ichi Matsuyama (Toru Watanabe), Rinko Kikuchi (Naoko), Kiko Mizuhara (Midori), Reika Kirishima (Reiko Ishida), Tetsuji Tamayama (Nagasawa), Eriko Hatsune (Hatsumi)

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Und schon wieder Haruki Murakami: Nachdem ich Anfang des Jahres erst meinen ersten Roman von ihm gelesen habe und begeistert war, wurden mir plötzlich von allen Seiten weitere seiner Werke empfohlen. Eines davon, Kafka am Strand, habe ich auf Grund dieser Empfehlung einer Freundin geschenkt und bekam von ihr sogleich Hard-boiled Wonderland und das Ende der Welt ausgeliehen. Da konnte ich die Verfilmung seines wohl populärsten Werkes, Norwegian Wood, natürlich nicht auslassen – und wurde überrascht, da Murakami darin vollkommen auf surreale oder fantastische Elemente verzichtet.

Sein Held, Toru Watanabe, ist ein Student in Tokio, der Ende der 60er Jahre auf der Uni Naoko wieder trifft. Naoko war seit Kindheitstagen die Freundin von Kizuki, Torus bestem Freund. Bis dieser sich mit 17 das Leben nahm und eine große Leere sowohl in Naoko als auch Toru hinterließ. Das gemeinsame Trauma lässt die beiden näher zusammenrücken, während um sie herum die Studentenunruhen nicht mehr als ein Hintergrundrauschen bleiben. Nach einer gemeinsamen Nacht ist Naoko jedoch plötzlich verschwunden, und erst ein paar Wochen später erhält Toru einen Brief von ihr und erfährt so, dass sie in einem Sanatorium in den Bergen versucht, mit der Vergangenheit klar zu kommen.

Toru wird es gestattet, sie dort zu besuchen, und lernt auf diese Weise Naokos Zimmergenossin Reiko kennen, die für die beiden Norwegian Wood auf der Gitarre spielt. Doch zwischen den seltenen Besuchen hat Toru inzwischen Midori getroffen, eine notorische Lügnerin, die ebenfalls eine Menge Probleme mit sich herum schleppt. Da sich Toru nicht entscheiden kann und vor allem Naoko in ihrer schwierigen Phase nicht allein lassen will, entwickelt sich eine komplizierte Dreiecksbeziehung, die kein gutes Ende nehmen kann…

Toru ist ein wahrhaft klassischer Murakami-Charakter. Ein aufwachsender Mann, dem die Welt Probleme aufbürdet, denen er sich nicht gewachsen sieht, die er aber auch nicht angeht sondern sie passiv über sich ergehen lässt. Die beiden Frauen mit ihrer intensiven Wirkung auf ihn verhindern eine normale Beziehung, wenngleich Toru zusammen mit seinem Kommilitonen Nagasawa auch unkomplizierten One-Night-Stands gefrönt hat, ohne Gefühle wie für Naoko entwickelt zu haben. Der Film legt seinen Fokus klar auf Toru, die Motivationen der Frauen bleiben aufgrund ihrer kurzen Auftritte weitgehend unverständlich. Von Naoko, immerhin in Deutschland titelgebend, sieht der Zuschauer nur eine mit jeder Szene zunehmende Schwermut; die Steigerungen ihrer depressiven Art werden allein durch die Briefe an Toru vermittelt. So fiel es mir schwer, diese Veränderungen bis zu ihrem bitteren Ende zu akzeptieren.

Dafür findet der Regisseur unglaublich schöne Bilder, um die Melancholie dieser Schwermut auf Zelluloid zu bannen. Lange Kamerafahrten begleiten Toru auf seinen Wegen durch das Studentenwohnheim zwischen öffentlichem Telefon und Zimmer, und eine beindruckende Einstellung ohne jeglichen Schnitt zeigt ihn in einer Diskussion mit Naoko an einem regnerischen Morgen in einer Wiese vor dem Sanatorium, wobei die beiden immer wieder auf einem Pfad hin und her laufen. Farblich gut aufeinander abgestimmt und vom Soundtrack kongenial unterstützt fließt der Film so vor einem hin, als könnten die Probleme, an denen die Figuren (fast) zerbrechen, sich in ihrer Darstellung verlieren – doch das tun sie nicht.

Fazit: Dieser Film lebt und atmet eine Atmosphäre der Melancholie. Wie er die Geschichte von Toru und seiner unglücklichen Liebe zu Naoko erzählt, ist unglaublich schön anzusehen und anzuhören. Hinter den elegischen Bildern fällt die Handlung trotz 133 Minuten Laufzeit leider etwas reduziert aus, so dass das Verhalten einiger Charaktere unverständlich bleibt – für dessen Verständnis sollte ich wohl besser das Buch lesen.

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