Sünden der Großstadt

Bis zum zweiten Weltkrieg war die Berliner Mitte südöstlich des Alexanderplatzes vor allem eins: Eine Ansammlung von Mietskasernen, die enge Straßen einfassten und ein Milieu wie in Berlin Alexanderplatz beschrieben beheimatete.

Der Krieg und der folgende großflächige Abriss durch die DDR hinterließen dann lange Zeit eine große Brachfläche, die schließlich durch eine für die kommunistische Führung repräsentative Achse vom Fernsehturm über das Marx-Engels-Forum bis zum Palast der Republik einer neuen Nutzung zugeführt wurde. Viel wichtiger für meine bisherige Wahrnehmung dieser Mitte waren aber nicht die genannten Protzbauten, sondern die sie einfassenden Baumstreifen, die leider von den beiden Plattenbauten an der Rathaus- und Karl-Liebknecht-Straße eingerahmt werden, diese jedoch etwas auffangen.

Vor ein paar Tagen nun begann am äußersten Ende dieses Grünstreifens, an der Ecke Rathausstraße/Gontardstraße, das Abholzenen einer kurzen Allee von Bäumen. Diese wurde zuletzt zwar mehr als öffentliche Toilette denn als urbanes Erholungszentrum genutzt, doch mein morgendlicher Weg zur Arbeit führt genau an dieser grünen Ecke vorbei, die damit gefühlt mehr für mein tägliches Wohlgefühl leistet als die restliche Parkfläche bis zu Spree.

Weichen mussten diese Bäume – natürlich – einem neuen Einkaufszentrum namens Alea 101. Dabei konnte das Timing nicht schlechter sein – ein paar Tage nach dem Fällen kam der Frost, so dass mindestens zwei Parteien nicht zufrieden sein können. Ich, weil mein Arbeitsweg ein Stück grauer geworden ist, und der Investor, weil er nicht weiterbauen kann. Dieser ist übrigens die Familie Brenninkmeijer, die 1911 auf genau diesem Grundstück ihr erstes C&A-Kaufhaus in Deutschland eröffnete und nach der Wende die Rückführung beantragte. Da auf der anderen Seite des Bahnhofs Alexanderplatz aber bereits ein C&A existiert, soll das Alea 101 andere Einzelhandelsgeschäfte beherbergen.

Nebem dem Wegfall der Grünanlage stößt mir auch das entstehende Gebäude selber auf den Magen. Die Stadt Berlin hat zwar eine fragwürdige Vorstellung von der Entwicklung des Alexanderplatzes, das Gebiet rund um den Fernsehturm soll jedoch erst in der gerade begonnenen Amtsperiode näher betrachtet werden, da bis 2019 eine Umgestaltung durch den Neubau der U55 geblockt ist. Da schafft der Investor quasi Fakten, indem er den Stil des Cubix aufgreift (dazu gibt es im Deutschen-Architektur-Forum einen Thread mit vielen Pro- und Kontra-Stimmen) und die maximal laut Bebauungsplan erlaubte Höhe ausnutzt. Aus einem offenen Vorplatz des Fernsehturms wird so eine Fassadenschlucht, die die Umbauten des Telespargels in den Schatten stellt und den Charakter der Ecke massiv verändert – und zwar wieder zurück zu der engen, gedrängten Bebauung, die bis vor 70 Jahren schon einmal an dieser Stelle vorherrschte.

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