Der Geschichtenerzähler

von Mario Vargas Llosa,
veröffentlicht von Eine Stadt. Ein Buch.

Zu Beginn des Buches erzählt der autobiografische Erzähler, wie er durch eine Fotoausstellung über ein indianisches Amazonas-Völkchen namens Machiguenga an einen Kommilitonen erinnert wurde, der sich für diesen Indianerstamm einsetzte. Bereits einige Jahre lang wollte der Autor ein Buch schreiben über den Geschichtenerzähler, eine Institution der Machiguenga, der als eine Art Postbote und lebendes Gedächtnis zwischen den weit verstreut lebenden Dörfern dieser nicht-schriftlichen Ureinwohner fungiert. Der Erzähler sieht darin eine ähnliche Rolle wie er sie selber in der heutigen Gesellschaft ausfüllt. Und so versucht er, die von ihrer Götterwelt und ihrem Lebensstil geprägte Sprache der Machiguenga in ein Buch hinüber zu retten und gleichzeitig davon zu erzählen, wie er sich den Einsatz seines Kommilitonen für den Stamm vorstellt…

Es war ungeheuer faszinierend für mich zu lesen, wie der Literaturnobelpreisträger die Welt der Machiguenga-Indios beschreibt, mich eintauchen ließ in die von der komplexen Wechselbeziehung ihrer Mythen, Geschichte und mündlichen Sprache geprägten Weltsicht. Dies erreicht er auch durch eine streng-formale Struktur seines Romans: In sich abwechselnden Kapiteln berichtet auf der einen Seite ein Autor, ein im schriftlichen Erzählen geschultes Alter-Ego von Mario Vargas Llosa, von seinen Erinnerungen an einen Kommilitonen und seinen Besuchen bei den Amazonas-Indios. Alternierend dazu lässt er einen Machiguenga-Geschichtenerzähler in seinem mündlichen Erzählen zu Wort kommen, das mich zuerst ziemlich verwirrte, aber dann immer mehr in seinen Bann zog.

Das erste dieser Erzähler-Kapitel ist noch weitgehend unverständlich, weil neben dem Rahmen (wer berichtet hier eigentlich, wann spielt die Handlung, sind dies Zitate oder gar historische Aufzeichnungen?) auch einige wichtige Schlüssel zum Zugang der (mindestens) doppelt übersetzten Sprache (Oral -> Schriftlich, Machiguenga -> romanische Sprache) fehlen. Dazu gehören u.a. die fehlende Namen – alle heißen nur Tasurinchi und Kientibakori – und mir unbekannte Begriffe für Kleidungsstücke und Pflanzen.

Erklärungen dafür werden in den Zwischenkapiteln nachgereicht, wo von Missionaren und Forschern berichtet wird, die unter den Indios lebten. Nach und nach steigt so das Verständnis des Erzählten: Der Leser erfährt von der fortlaufenden Vertreibung der Machiguenga, weshalb sie sich selber als die Menschen, die gehen, bezeichnen und ein Gemeinwesen aufgebaut haben, das auf weit verteilt lebende, kleine familiäre Einheiten setzt mit dem Geschichtenerzähler in der wichtigen Funktion des Postboten, des Nachrichtenüberbringers. Gleichzeitig erhält der Geschichtenerzähler den Schöpfungsmythos der Machiguenga wach, indem er damit die Geschichten der eigenen Erlebnisse und der anderen Stammesmitglieder anreichert: Tasurinchi und Kientibakori sind dabei gute bzw böse Geister, die den Menschen wie der Umwelt innewohnen und deren Leben bestimmen.

Mit diesem zunehmenden Verständnis des Erzählten wird gleichzeit deutlich, dass die Erzähler-Kapitel angereichert wurden mit westlichen Inhalten und Hinweisen darauf, wen sich der Ich-Erzähler in der Rolle des Geschichtenerzählers vorstellt. So wird u.a. die Kafka-Geschichte Die Verwandlung um den zu einem Insekt gewordenen Gregor Samsa eingearbeitet, welches die Lieblingsgeschichte des Kommilitonen war.

Mario Vargas Llosa hat mit Der Geschichtenerzähler einen wirklich grandiosen Roman geschaffen. Er bietet einen ungeheuer spannenden Einblick in die Lebenswelt eines Volkes, das nie eine Schriftsprache entwickelt hat, und eröffnet dem Leser so neue Perspektiven. Gleichzeitig führt der Autor darüber eine Auseinandersetzung, was nicht-schriftliches Erzählen eigentlich darstellt, wovon es beeinflusst wird und wie es sich im Vergleich zum schriftlichen Erzählen verhält. Und als wäre das nicht genug, legt er innerhalb des Romans in einer Art Selbstreflexion auch noch die Gedankengänge offen, die zu diesem Roman führten.

Die Ausgabe von Eine Stadt. Ein Buch. hat zudem noch eine Abschrift der mitreißenden Rede von Mario Vargas Llosa zur Verleihung seines Nobelpreises als Abschluss spendiert bekommen, in der er über die Einflüsse berichtet, die ihn zur Schriftstellerei führten und die Themen seiner Werke bestimmten. Die Rede ist ein wunderbares Plädoyer für das Lesen und gleichzeitig ein Ratgeber für den Einstieg in die südamerikanische Literatur, dem ich ein paar spannende Tipps entnommen habe.

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