The Long Earth

von Terry Pratchett & Stephen Baxter,
erschienen bei Doubleday, ISBN 978-0-857-52010-4, 13,99£

Schon seit den ersten Leseerfahrungen mit Jules Verne bin ich ein Fan der fantastischen Abenteuerliteratur. Später war es Stanislaw Lem, der seine Figuren (und mich) mit dem Unbekannten konfrontierte. Heutzutage sind solche Utopien selten geworden; an ihre Stelle sind Dystopien und Kriegsfantasien getreten. Da bin ich über jedes Buch erfreut, das mich in eine fremde Welt eintauchen und sie erkunden lässt.

The Long Earth ist so ein Buch. Dessen Welt ist anfangs noch Madison, Wisconsin. Doch dann veröffentlicht ein Wissenschaftler im Internet eine Anleitung für ein Gerät, mit dessen Hilfe (fast) jeder Mensch in der Lage ist, in Parallelwelten zu springen (zu steppen). Plötzlich ist die gesamte Menschheit befreit von den physischen Fesseln, die die eigene Existenz an ein Land, eine Heimat band. Es gibt so viele Parallelwelten, dass theoretisch jeder Mensch sich eine eigene suchen kann. Und eines haben alle Welten gemeinsam – es haben sich dort keine Menschen entwickelt wie auf dem Datum Earth genannten Original.

Anfangs wird diese Geschichte aufgeteilt auf viele kleinere Handlungsstränge erzählt, die scheinbar nur den Step Day gemeinsam haben, wie der Tag genannt wird, an dem viele Menschen das Steppen zum ersten Mal ausprobiert haben. Ein wenig hat mich diese Erzählweise an Die Haarteppichknüpfer erinnert, nur dass sie in The Long Earth dazu dient, einen Einblick in die vielen Veränderungen zu geben, die das Steppen auf die Gesellschaft hat. So erfährt der Leser von den mehr oder weniger erfolgreichen Ansätzen einiger Staaten, ihren bisherigen Status Quo zu erhalten. Und dass Menschen, die nicht steppen können, die Behinderten der neuen Welt sind.

Doch sobald das Setting definiert ist, verengt sich die Handlung auf einen schmalen Strang um die Entdeckungsreise des von Natur aus sehr begabten Steppers Joshua mit dem Computer Lobsang, der sich selbst als Widergeburt eines tibetanischen Mönches bezeichnet und als einziges künstliches Wesen der Datum Earth in der Lage ist, eigenhändig zu steppen. Gemeinsam wollen sie die Grenzen der Parallelwelten ausloten und das Geheimnis lüften, warum es außer ihnen keine intelligenten Lebewesen in der Long Earth gibt.

Und los geht es mit einer Reise in das Unbekannte, auf der die beiden Abenteurer einige der Charaktere vom Anfang des Buches wiedertreffen werden. Dieser auf die Klassiker des Genres verweisende Trip – ist unsere Welt komplett entdeckt und ergründet, erfinde ich eben eine (oder viele) neue – ist deshalb so spannend und überzeugend, weil die Utopie nicht mit den erdachten Welten aufhört. Mich hat vor allem das durchdachte Vokabular rund um das Steppen überzeugt, dem das Buch einen Großteil seiner Glaubwürdigkeit verdankt.

Da sehe ich auch gerne über die eine oder andere Logiklücke hinweg: Wenn der Abstand zwischen zwei Welten genau ein anderer Zustand ist, dann sollten die Abweichungen zwischen zwei Welten absolut minimal sein und es nicht so große Unterschiede wie in der Long Earth geben. Was ich dem Buch aber nicht verzeihe sind zwei andere Aspekte.

Nummer Eins ist Lobsang. Eine derartig veraltete Beschreibung eines denkenden Computers habe ich lange nicht mehr lesen müssen. Fast allwissend und -mächtig lebt er im Buch doch von seiner menschlichen Eigenschaften: Er steht auf tibetischen Buddhismus, schaut sich gerne alte Filme mit Joshua an und ist in seinen Aktionen sehr wankelmütig und sprunghaft. So etwas habe ich in der Sci-Fi zu oft gesehen. Eine moderne Utopie auf Basis des aktuellen Wissens über artifizielles Lernen sollte kreativer sein oder den Sidekick von Joshua einfach zum Menschen – von mir aus auch Cyborg – machen, wenn er sich schon nicht anders verhält.

Mit dem zweiten Kritikpunkt komme ich zurück auf meine Erwartung an das Buch, die ich im ersten Absatz beschrieben habe: Ich wollte ein Abenteuerbuch lesen, eine Utopie, die nicht auf die momentan vorherrschenden Erzählmuster von Krieg und Terror als einzige Konfliktlösungsstrategien zurückfällt. Doch am Ende von Long Earth passiert leider genau das: Die Reise ins Unbekannte endet und auf der Datum Earth beginnt eine Art Krieg, der im zweiten Teil des Buches (The Long War) behandelt werden soll.

Ich werde mir ganz genau überlegen, ob ich auch diese Fortsetzung lesen werden. Zwar verbinde ich damit die Hoffnung, dass wie im ersten Teil die positiven und erhofften Inhalte überwiegen. Auf der anderen Seite habe ich kein Interesse, eine weitere Schilderung eines weiteren Krieges zu lesen. Ich will fantasievolle, kreative Lösungen für Probleme, keine Heroisierung oder Dämonisierung von Gewalt. Dafür benötige ich keinen Terry Pratchett, so etwas gibt es schon tausendfach.

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