Der Turm

von Uwe Tellkamp,
erschienen bei Suhrkamp, ISBN 978-3-518-42020-1, 24,80€

Und wieder ist es passiert. Ein Buch, das ich unbedingt lesen wollte, hat mich gequält, ganze fünf Monate lang, und ich habe mich quälen lassen. Dabei waren der deutsche Buchpreis 2008 und das ansprechende Milieu des Buchs – die letzten Jahre der DDR, die ich selber noch erlebt habe, beispielhaft an Dresden – so vielversprechend.

Doch Autor Uwe Tellkamp macht es seinen Lesern nicht leicht. Er tischt ihnen fast 1000 Seiten schwere Kost auf mit extrem verschachtelten Sätzen, die sich ohne Punkte über seitenlange Absätze hinziehen. In direkter Fortführung der DDR-Prosa verklausuliert er seine Sprache, verwendet Bilder und fremde Ortsnamen (Ostrom, Samarkand) als Bezeichner und umgibt die Geschichte mit einer solchen Vielzahl an Nebenfiguren, dass man deren Rolle oft schon vergessen hat, wenn sie 500 Seiten später wieder auftauchen. Und auch die Handlung selber will den Lesefluss nicht so richtig unterstützen. Trotz der erzählten sechs Jahre und aller Sprachgewalt plätschert sie, teilweise sehr fragmentarisch, vor sich hin.

Dresden … in den Musennestern / wohnt die süße Krankheit Gestern

Und doch ist Der Turm ein gutes, vielleicht sogar ein wichtiges Buch, in seiner Schilderung des 1989 aufgegebenen sozialistischen Experimentes in Deutschland. Es werden viele Seiten und Aspekte des untergehenden Staates geschildert, die ich aus meiner Erinnerung noch kenne. Ein wenig kann man die Perspektive kritisieren, denn fast alle handelnden Akteure gehören einer gewissen Oberschicht an oder stehen dieser nahe. Doch zum Einen wird diese Perspektive im Buch selber offen diskutiert (ein gutes Buch zu diesem Thema ist auch Hinter Glas von Robert Merle), und zum Anderen haben auch diese ausgesuchten Charaktere breit gefächerte Hintergründe, die an vielen Stellen die Motivation und auch die Stützung des Staates erklären. Schließlich wurde dieser nicht gegründet, um die Menschen zu unterdrücken, selbst wenn am Ende kein lebenswertes Land übrig blieb. Wie dies trotzdem passieren konnte erzählt Der Turm quasi im Vorbeigehen, und diese Bandbreite an behandelten Themen ist seine Stärke.

Besonders fasziniert haben mich die Schilderungen der mir bekannten Ecken von Dresden oder meiner Heimat im Chemiedreieck Buna-Leuna-Bitterfeld/Wolfen, wo die Menschen 1989 nicht nur für ihre Freiheit, sondern auch für den Umweltschutz auf die Straße gegangen sind. So schlimm hat die DDR nicht überall ihre menschlichen wie natürlichen Resourcen geschändet, aber der Roman veranschaulicht recht gut die verschleißenden Mechanismen, mit denen versucht wurde, im Wettbewerb mit dem Klassenfeind im Westen zu bestehen.

Alles in allem kann ich dieses Buch nur denjenigen empfehlen, die wie ich ein großes Interesse an Zeit und Ort der Handlung mitbringen und sich nicht von einer zwar gewaltigen, aber schwer lesbaren Sprache abschrecken lassen. Dann aber gibt es einiges zu entdecken und zu ergründen, dann entfaltet sich ein sehr interessantes Buch vor dem Leser.

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